Mehr als 0 und 1 - Schule in einer digitalisierten Welt

Die Digitalisierung verändert rasant unsere Gesellschaft. Der Computer hat das Buch als Leitmedium abgelöst. Dieser Leitmedienwechsel stellt die Schule vor grosse Herausforderungen: Welche Kompetenzen benötigen Schülerinnen und Schüler in einer digitalisierten, zunehmend automatisierten Welt? Wie wichtig ist das Wissen im Kopf, wenn mobile Geräte stets Antworten parat haben? Beat Döbeli Honegger, Professor für Medienbildung und Informatikdidaktik an der Pädagogischen Hochschule Schwyz, analysiert in seinem Buch den Leitmedienwechsel und zeigt auf, wie ihm eine zeitgemässe Schule begegnen kann.

Beat Doebeli

«Für die Schule stellen sich eine grosse Frage: Welche Allgemeinbildung wird in einer Zeit benötigt, wo ich in Form eines Smartphones praktisch jederzeit den Zugriff auf das gesamte Internet mit mir herumtrage?»

Beat Döbeli Honegger, Buchautor und Professor für Medienbildung PH Schwyz

Herr Döbeli Honegger, weshalb haben Sie nach der obligatorischen Schulzeit (k)eine Berufslehre absolviert?

Ich habe in Zürich ein Langzeitgymnasium besucht, eine Berufslehre war damals kein Thema für mich. Mit der Berufsbildung habe ich mich erstmals vertiefter beschäftigt, als ich im Rahmen meiner Informatikdidaktikausbildung an der technischen Berufsschule Zürich mein Praktikum gemacht habe.

Der Untertitel Ihres Buches lautet «Schule in einer digitalisierten Welt». Beschreiben Sie doch das Umfeld und Entwicklungen, wie digitale Werkzeuge auf die Schule einwirken.

Mit Hilfe von immer schneller, kleiner und kostengünstiger werdenden Computern können immer mehr Daten automatisch erfasst, verarbeitet, gespeichert und weltweit übertragen werden. Diese technische Entwicklung ist seit einigen Jahren daran, alle Bereiche unseres Lebens zu verändern. Berufe und Branchen gehen ein oder entstehen neu, unsere tägliche Kommunikation sowie die Beziehungen zwischen Staaten, Unternehmen und Individuen verändern sich. Verschiedene Experten vergleichen die Entwicklung mit der Erfindung des Buchdrucks und sprechen deshalb von einem digitalen Leitmedienwechsel. Wir sind derzeit vielfach überfordert, bereits heute abschätzen zu können, wohin uns der digitale Leitmedienwechsel führen wird. Insbesondere auch für die Schule stellen sich grosse Fragen: Welche Allgemeinbildung wird in einer Zeit benötigt, wo ich in Form eines Smartphones praktisch jederzeit den Zugriff auf das gesamte Internet mit mir herumtrage und es zu praktisch allen Themen nicht nur Lexikoneinträge sondern auch Erklärvideos gibt? Welche Bedeutung haben Fremdsprachenkenntnisse, wenn beim Telefonieren per Internet kostenlos eine maschinelle Simultanübersetzung angeboten wird?

Stellen wir doch die Gretchenfrage: Welche Kompetenzen benötigen Schülerinnen und Schüler in einer digitalisierten, zunehmend automatisierten Welt?

Gerade für die Berufsschule müsste ich bei dieser Frage eigentlich auf das letzten Herbst erschienene Buch “Digitale Kompetenz” meiner beiden Kollegen Hartmann und Hundertpfund verweisen, das auch bereits in dieser Rubrik vorgestellt worden ist. Die beiden beschrieben in 10 kurzen und leicht lesbaren Kapiteln verschiedene Kompetenzbereiche, die in einer digitalisierten Welt wichtiger werden und präsentieren dann gleich konkrete Unterrichtsideen für die Berufsschule und fürs Gymnasium

Und was sagen Sie dazu?

In meinem Buch versuche ich die Frage allgemeiner zu beantworten und unterscheide zuerst zwei wichtiger werdende Bereiche. Der erste hat mit Computern erstaunlicherweise gar nichts zu tun. Da Computer alles formal Beschreibbare - also Routinearbeiten - besser und schneller erledigen können als der Mensch, sollte sich dieser auf Kompetenzen konzentrieren, die der Computer nicht beherrscht, z.B. Kreativität, Teamfähigkeit und Sozialkompetenz. Daneben sollten sich Schülerinnen und Schüler aber natürlich mündig und effizient in einer digital geprägten Welt bewegen können. Dazu benötigen sie etwas, dass man wolkig bis nichtssagend als “Digitale Bildung” bezeichnen könnte. Sie sollten digitale Phänomene aus drei Perspektiven betrachten und drei Grundfragen beantworten können: Wie funktioniert das (technologische Perspektive)? Wie wirkt das (gesellschaftlich-kulturelle Perspektive)? Und schliesslich ganz konkret: Wie nutze ich das (Anwendungsorientierte Perspektive)? Im Lehrplan 21 sind diese Perspektiven übrigens als Informatik, Medien und Anwendung umgesetzt.

Stichwort Anwendung: Welche Empfehlungen machen Sie für die Ausrüstung von Berufslernenden?

Berufe unterscheiden sich bezüglich ICT-Nutzung sehr stark. Darum lässt sich diese Frage auch nicht pauschal für alle Berufsschulen beantworten. Gewisse Berufsgruppen benötigen teure und komplexe Branchensoftware oder viel Rechenleistung mit grossen Bildschirmen. Andere kommen problemlos mit normalen Notebook oder gar Tablets aus, welche die Lernenden auch selbst mitbringen könnten. Auch das persönliche Smartphone lässt sich in der Berufsschule zum Lernen nutzen, sei dies zum kurz etwas nachschlagen, etwas mit Bild, Ton oder Video dokumentieren oder als jederzeit verfügbares Drill & Practice-Werkzeug.

Welche Auswirkungen hat eine digitalisierte Welt auf die Arbeit einer Lehrperson an (Berufs)-Schulen?

Lehrpersonen müssen einerseits selbst digital kompetent sein, d.h. die drei obengenannten Fragen “Wie funktioniert das?”, “Wie wirkt das?” und “Wie nutze ich das?” für sich selbst beantworten können. Darüber hinaus müssen sie jedoch einerseits wissen, wie sie digitale Werkzeuge gewinnbringend im Unterricht nutzen können (Mediendidaktik) und andererseits erkennen, welche Konsequenzen die Digitalisierung für ihr Fach bzw. den angestrebten Beruf ihrer Lernenden bedeutet. Konkret: Das erste bedeutet sich zu fragen, wie ich künftigen Bauern, Schreinern, Automechatronikern mit digitalen Medien beim Lernen helfen kann. Beim zweiten Aspekt geht es darum zu überlegen, wie sich Beruf und Tätigkeiten von Bauern, Schreinern und Automechatronikern verändert und welche Themen im berufskundlichen Unterricht deshalb wegfallen oder dazukommen müssen.

Mir fällt in Ihrem Buch auf, dass Sie zu Thesen häufig grad auch die Gegenthese dazu präsentieren. Komplexität? Unsicherheit über die Entwicklung? Was ist der Grund?

Die Welt ist eben mehr als 0 und 1, es gibt insbesondere im Bildungsbereich sehr oft nicht einfach richtig oder falsch. Vieles muss normativ von der Gesellschaft entschieden werden: Welche Kompetenzen sind wichtig, welchen Lehrplan mit welchen Gewichtungen sehen wir als zukunftsträchtig an? Hier möchte ich mit meinem Buch einen Beitrag zu entsprechenden Diskussionen leisten. Einseitige Bücher, welche die Konsequenzen der Digitalisierung entweder verherrlichen oder verteufeln gibt es genug. Mit meinem Buch möchte ich sachliche Auseinandersetzungen mit diesem wichtigen Bildungsthema. Dazu gehört, dass ich den aktuellen Wissens- und Diskussionsstand einigermassen objektiv darzustellen versuche - wobei ja meist durchaus deutlich wird, welche Meinung ich persönlich vertrete.

Welches sind aus Ihrer Sicht die grössten Herausforderungen für das Schweizerische System der Berufsbildung?

Die Berufsbildung steht einerseits vor dem Problem, dass aufgrund der Digitalisierung und Automatisierung zahlreiche Berufe kognitiv anspruchsvoller geworden sind. Prominente Beispiele dafür sind der ehemalige Lagerist oder der Automechaniker. Kann die Berufsbildung weiterhin allen Schülerinnen und Schülern eine Berufsausbildung anbieten, die zu ihren Fähigkeiten passt und die auch nachgefragt wird? Andererseits geht international der Trend hin zu einer stärkeren Akademisierung der Bildung. Zahlreiche Expertinnen und Experten sehen jedoch im Schweizerischen Berufsbildungssystem einen wichtigen Grund für die gute wirtschaftliche Lage und die tiefe Jugendarbeitslosigkeit in der Schweiz. Eine wichtige Herausforderung scheint mir deshalb zu sein, die Vorzüge des dualen und durchlässigen Schweizer Bildungssystems auch ausländischen Managern, die aufgrund der Globalisierung in der Schweiz tätig sind, erklären zu können.

06.04.2016

Literatur

Mehr als 0 und 1 - Schule in einer digitalisierten Welt

von Beat Döbeli Honegger

ISBN 978-3-0355-0200-8 | hep verlag Bern

Kontakt

Beat Döbeli Honegger beat.doebeli@phsz.ch

Die Fragen stellte Gallus Zahno, Redaktor Berufsbildung educa.ch gallus.zahno@educa.ch

Download

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Interview als pdf (PDF, 370.61 KB)
Letzte Aktualisierung dieser Seite: 19.06.2017

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