Kompetenzen für Schule, Studium und Beruf

«Selbständiges Lernen» will ein Lehrmittel zur Förderung grundlegender Selbst-, Sozial- und Methodenkompetenzen sein. Das Buch zeigt auf, wie Lernende der Sekundarstufe II Strategien gezielt einsetzen können, um ihre Lernprozesse erfolgreich und eigenverantwortlich zu steuern. Claudio Caduff, der zusammen mit Manfred Pfiffner Mitautor des Lehrmittels ist, gibt einen Einblick in Zielsetzung und Inhalte des Werks.

Claudio Caduff Insight

«In der Unterrichtspraxis werden mittlerweile viele offene Lehr-Lern-Formen eingesetzt und Projekte sind sehr beliebt. Dabei glauben viele Lehrerinnen und Lehrer, dass allein durch diesen Unterricht die Lernenden sich das selbständige Lernen aneignen. Dem ist jedoch nicht so.»

Claudio Caduff, Buchautor und Fachdidaktik Professor PH Zürich

Herr Caduff, weshalb haben Sie nach der obligatorischen Schulzeit (k)eine Berufslehre absolviert?

Da ich in der Primarschule leicht lernte und ein relativ guter Schüler war, ging ich nach der 5. Klasse ans Gymnasium. Offenbar war meine Umgebung (Eltern, Lehrpersonen) der Überzeugung, dass das Gymnasium die richtige Schule für mich sei. Und obwohl ich in meiner Erinnerung an diesem Entschied nicht beteiligt war, fühlte ich mich dann bis zur Matura wohl in diesem Bildungsgang. Auch wenn ich selber keine Berufslehre absolvierte, so war sie mir doch nicht fremd, da vier meiner fünf Geschwister diesen Weg gingen.

«Selbstständiges Lernen - Kompetenzen für Schule, Studium und Beruf» lautet der Titel Ihres Buches. Man könnte sagen, dass da nochmals ein Ratgeber mehr zum Thema Lernen auf den Markt kommt. Was heisst denn für Sie selbstständiges Lernen?

Das Buch Selbständiges Lernen ist kein Ratgeber, sondern ein Lehrmittel; das heisst, es kann im Unterricht für das systematische Lernen eingesetzt werden. Darum haben wir begleitend zum Buch auch einen kleinen didaktischen Leitfaden geschrieben, in dem aufgezeigt wird, wie das Buch im Unterricht eingesetzt werden kann. Denn eines ist klar: Selbständiges Lernen muss systematisch erlernt werden! Und das erklärt zu einem gewissen Grad auch die Notwendigkeit eines solchen Lehrmittels. In der Unterrichtspraxis werden mittlerweile viele offene Lehr-Lern-Formen eingesetzt und Projekte sind sehr beliebt. Dabei glauben viele Lehrerinnen und Lehrer, dass allein durch diesen Unterricht die Lernenden sich das selbständige Lernen aneignen. Dem ist jedoch nicht so. Selbständigkeit muss schrittweise angeeignet werden. Und es ist wichtig, dass dies immer im Zusammenhang mit konkreten Lerninhalten erfolgt. Lernenlernen ohne Inhalte ist wie Stricken ohne Wolle. Unserem Buch liegt das Drei-Schichten-Modell des selbstregulierten Lernens von Monique Boekaerts zugrunde. Selbständiges Lernen heisst einerseits, dass ich das Lernen selber steuere, indem ich konkrete Strategien auswähle und anwende. Auf einer zweiten Ebene steuere ich den Lernprozess, indem ich zuerst plane, dann den Prozess laufend beobachte und kontrolliere und schliesslich nach dem Lernen das Ergebnis beurteile und Rückschlüsse auf das Lernen ziehe. Auf der dritten Ebene geht es um die Steuerung des Selbst, also um Motivation, Wille, Selbstdisziplin, Arbeitsorganisation usw. Das Buch hat durchaus Neues zu bieten, stützt es sich doch auf neuste wissenschaftliche Erkenntnisse, die zum Teil älteren widersprechen. Selbständiges Lernen wird auch mit den sich stark verändernden wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verhältnissen immer bedeutender. Wenn wir in Zukunft die meiste Arbeit zu Hause leisten (Stichwort home office), dann setzt das hohe Selbständigkeit der Arbeitnehmerinnen und -nehmer voraus.

Kompetenzen, Lernstrategien sind häufig genannte Begriffe. Bitte erklären Sie diese.

Kompetenz ist ein umfassender Begriff, der sich auf alle möglichen Lernbereiche beziehen kann. Wir haben mittlerweile eine Inflation der Bindestrich-Kompetenzen; es gibt nicht nur die Sprach-Kompetenz, sondern auch ein Wein- und Schuh-Kompetenz, und die Mutter aller Kompetenzen ist wohl die Inkompetenzkompensations-Kompetenz. Der Begriff selber ist sehr diffus. Heute kann sich jeder - in gut konstruktivistischem Verständnis - seine eigene Definition schustern. Auch im wissenschaftlichen Diskurs ist die Spannweite gross: Weinert versteht unter Kompetenz die kognitive Fähigkeit, Probleme zu lösen, wobei diese Fähigkeit verbunden ist mit motivationaler, volitionaler und sozialer Bereitschaft zu flexiblen und verantwortungsbewussten Lösungen. Auf der anderen Seite des Spektrums definiert Elsbeth Stern von der ETH Kompetenzen schlicht als systematisches Wissen, das gut genutzt werden kann. Lernstrategien sind spezifische Instrumente zum Lernen. Man setzt sie ein, um z.B. sein Vorwissen zu aktivieren, Lerninhalte zu verarbeiten oder Inhalte zu memorieren. Lernstrategien sind im weiteren Sinne auch die sogenannten Sekundärstrategien bzw. Stützstrategien, die man einsetzt um sich selber zu regulieren, indem man z.B. Vertrauen in die eigene Fähigkeit aufbaut, seinen Willen stärkt, eine positive Arbeitseinstellung entwickelt usw. Wenn jemand die wichtigen Lernstrategien kennt und gut anwenden kann, dann hat er für sich die Lern-Kompetenz erworben.

Sie haben Ihr Buch in Unterkapitel unterteilt. Das erste Kapitel zeigt Stützstrategien auf. Dabei ist die Lernmotivation wohl ein zentrales Element, das bei Lernenden der Sekundarstufe II oftmals zu wenig ausgeprägt ist. Was schlagen Sie vor?

Als Erläuterung verwende ich ein Beispiel. Zur Motivation gehört positives Denken. Die Psychologin Gabriele Oettingen hat in empirischen Untersuchungen jedoch festgestellt, dass positive Phantasien allein uns keinen Erfolg bringen, da diese uns nur entspannen. Für den Erfolg brauchen wir aber Energie, Anspannung und Fokussierung. Darum muss positives Denken immer verbunden werden mit der Vorstellung von Hindernissen auf dem Weg zum Erfolg, und ich muss mir einen Plan machen, wie ich diese Hindernisse überwinden kann. Echte Motivation heisst also gleichzeitig träumen vom Erfolg und denken an die harte Arbeit, die vor einem liegt.

Zum Lernen gehören auch Test und Prüfungen. Was empfehlen Sie zur Vorbereitung und zum Umgang mit schwierigen Prüfungssituationen?

Dieser Frage haben wir ein ganzes Kapitel im Buch gewidmet. Dabei hatten wir nicht nur die traditionellen Fragen der Planung und Prüfungsvorbereitung im Fokus, sondern auch das Verhalten während und nach der Prüfung. Auch hier soll ein kleines Beispiel das erläutern. Hat man eine schlechte Prüfung gemacht, soll man den inneren und den äusseren Ursachen nachgehen, wobei es für die Leistungsfähigkeit und die Motivation äusserst ungünstig wäre, wenn man die Ursachen von Versagen dauerhaft stabilen internen Ursachen (z.B. der eigenen Begabung) zuschreiben würde.

Welches sind aus Ihrer Sicht die grössten Herausforderungen für das Schweizerische System der Berufsbildung?

Die Herausforderungen für die Berufsbildung werden dieselben sein wie für die ganze Wirtschaft. Wie diese in rund 15 Jahren aussehen bzw. funktionieren wird, ist grundsätzlich offen. Ich persönlich glaube nicht, dass mit dem mittlerweile weit verbreiteten Konzept der Industrie 4.0 die Zukunft erfolgreich gestaltet werden kann. Denn dieses geht von einem weiteren Kondratjew-Zyklus aus, der durch die Informationstechnologie und die Robotisierung ausgelöst wird und in dem sich der Kapitalismus durch Schaffung neuer Märkte und neuer arbeitsintensiver Produktionsbereiche einmal mehr - zum fünften Mal - neu erfindet. Nimmt man jedoch aktuelle Theorien des Postkapitalismus ernst, so könnte es durchaus sein, dass zum ersten Mal in der rund 250-jährigen Geschichte des Kapitalismus die neue Technologie Arbeitskräfte aus der Produktion drängt ohne neue zu schaffen, dass sie die Preisbildungsmechanismen zerstört, indem z.B. die neue Netzwerkökonomie die Kosten für die Reproduktion von Informationsgütern (die unendlich kopiert werden können und somit kein knappes Gut mehr sind) gegen null sinken lässt und dass sie den wirtschaftlichen Austausch abseits des Markts begünstigt (wie das heute schon der Fall ist mit hochwertigen open-source-Produkten wie z.B. dem Statistikprogramm R). In 15 Jahre könnte dann die Verbindung zwischen Arbeit und Wert endgültig gekappt sein. In einer solchen Ökonomie sprechen wir aber nicht mehr von Berufsbildung, Akademisierung usw., sondern von Netzwerk-Bildung.

01.06.2016

Literatur

Selbständiges Lernen - Kompetenzen für Schule, Studium und Beruf

Claudio Caduff und Manfred Pfiffner

ISBN 978-3-280-04132-1 | Verlag Fuchs

Kontakt

Claudio Caduff claudio.caduff@phzh.ch

Die Fragen stellte Gallus Zahno, Redaktor Berufsbildung educa.ch gallus.zahno@educa.ch

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caduff_selbstaendiges_lernen.pdf
Interview als pdf (PDF, 352.44 KB)
Letzte Aktualisierung dieser Seite: 19.06.2017

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