Mobiles Lernen

Der Oberstufenlehrer Andreas Streiff ist ein Pionier des Einsatzes von ICT im Unterricht. Er zeigt, wie er Formen des mobilen Lernens (Lernen mit Geräten wie Smartphone oder Tablet) in den Unterricht integriert. Den Grundsatz "Bring Your Own Device" hat er umgesetzt.

Andreas Streiff

"Nur mit Multiple Choice-Fragen kann man Lernende nicht mehr begeistern. Bei meinen Lern-Apps wischen Lernende Schilder mit dem Finger handlungsorientiert an die entsprechende Stelle und bekommen sofort entsprechendes Feedback. Die Motivation ist gross."

Andreas Streiff, Oberstufenlehrer und ICT-Pionier

Herr Streiff, weshalb haben Sie nach der obligatorischen Schulzeit (k)eine Berufslehre absolviert?

Ich war schon als Jugendlicher ein Tüftler und musste mich entscheiden zwischen Lehrerseminar und der bereits zugesicherten Lehrstelle als FEAM (damals Fernmelde- und Elektonikapparatemonteur). Ich wollte dann den Fünfer und das Weggli und dachte, ich könne als Lehrer auch Physik unterrichten und genau das mache ich heute auch als Oberstufenlehrperson.

Sie sind Pionier im Einsatz von ICT im Schulzimmer. Was motivierte Sie dazu?

Schon als Jugendlicher entwickelte ich einen Elektronik-Baukasten und habe dann das Patent an LEGO verkauft. Mein erster Computer (Jahrgang 1984), den ich auch in die Schule mitnahm, steht im Museum. Der Kanton Glarus führte als erster Kanton flächendeckend Computer in den Oberstufenschulen ein. Ich schrieb verständliche, kochbuchartige Lehrmittel, die sich dann schnell in der ganzen Schweiz verbreiteten und erteilte kantonale und schweizerische Kurse. Multimedia-Lernprogramme entwickelte ich zuerst auf Disketten und dann bald auf CD-ROM. Ich habe auch die Lehrerschaft in einer Schweizerischen Arbeitsgruppe zur Förderung der ICT in den Schulen vertreten. Eine Idee dieser Gruppe waren die Broschüren der Swisscom. Ich konnte auch eine fundierte Ausbildung an der Pädagogischen Hochschule Zürich absolvieren, AdA ICT (Ausbildner der Ausbildenden) mit dem Ziel, die Einführung von ICT in den Schulen zu fördern. Eine wichtige Entdeckung waren die Einsatzmöglichkeiten von Wiki in den Schulen. Ich habe ein Buch darüber geschrieben und eine Wiki Farm mit vielen Schulen aufgebaut. Die Begriffe Blog, Web 2.0 und Facebook waren damals noch nicht bekannt, alles ist aber daraus entstanden. Als die ersten iPhone auf den Markt kamen, habe ich dazu Physiklernprogramme entwickelt und ein Dossier auf dem Schweizerischen Bildungsserver veröffentlicht, wie man diese Geräte in der Schule sinnvoll verwenden kann.

Als Pionier war ich auch etwas ein Querulant, was etliche Schwierigkeiten gab. Als ich ein erstes Lehrstellenverzeichnis im Internet veröffentlichte, bekam ich Post von einem Regierungsrat mit der klaren Aufforderung zur Einstellung. Heute produziere ich Mathematik-Lern-Apps, die genau auf unsere Lehrmittel abgestimmt sind. Ich mache das, weil wir genau solche Programme im Unterricht brauchen und es viel zu lange dauert, bis man sich in die offiziellen Angebote der Verlage eingeloggt hat. Die Verlage haben keine grosse Freude – ich darf sie nicht einmal erwähnen – mich freuen jedoch hunderte Downloads lernwilliger Lernenden, auch wenn diese Downloads gratis sind. So mache ich weiter. Ich weiss aus Erfahrung, dass ich auf dem rechten Weg bin und lasse mich nicht davon abbringen.

Sie sind ein Verfechter des mobilen Lernens. Was bedeutet dies?

Gerade Verfechter ist übertrieben. Wenn ein Schüler Papier bevorzugt, kann er das auch. Aber ich finde, wenn die Lernenden die Geräte in der Hosentasche oder im Rucksack haben und diese sinnvoll einsetzen wollen, darf man das als Lehrer nicht verbieten. Die Gräte sind für den Unterricht so gut geeignet, dass es auch sinnvoll ist, wenn die Schule Geräte anschafft, nur schon um die Nutzung der Laptops und ständig besetzter Computerräume zu verkleinern. Für eine spontane Internetrecherche braucht es weder Laptops noch Computerräume. Mobiles Lernen kann überall stattfinden: bei Wartezeiten im Zug, Bus, Pausen, wenn eine Arbeit fertig ist... Wir müssen als Lehrpersonen, jedoch sehr streng sein und Geräte sofort für einen halben Tag konfiszieren, wenn diese für anderes als für das Lernen benutzt werden. Bei der Empfehlung spezieller Produkte sollte man als Lehrperson zurückhaltend sein. Trotzdem muss man irgendwie den Eltern verständlich machen, dass viele Lern-Apps nur auf iPhone, iPad, iPod touch gut funktionieren. Ich biete alle meine Apps auch gratis als Webapplikation an. Dadurch sind alle Programme auf allen mobilen Geräten und auch auf stationären Geräten mit Internetanschluss gratis verfügbar.

Wie werden Lernapps im Unterricht sinnvollerweise eingesetzt?

An erster Stelle werden die Devices als sehr vielseitige Werkzeuge eingesetzt. Lern-Apps stehen an zweiter Stelle. Beispielsweise kann man das machen, was Menschen eigentlich sonst nicht gerne machen, nämlich drillmässig üben. Wortarten kann man ohne weiteres mit Papier und Farbstiften lernen. Mit iWortarten auf dem iPhone oder iPad macht das genau gleiche aber viel mehr Spass. Pöstlergeografie wurde lange Zeit aus den Schulzimmern verbannt. Jetzt macht es aber wieder Spass mit iEuropa alle Länder zu lernen oder mit iSchweiz die Namen aller Kantone, mit iSee alle grossen Seen zu üben. iWildtiere hat wunderschöne Bilder. Das könnte man mit einem Buch auch zeigen. Der Mehrwert besteht darin, dass man sich informieren kann und sogleich interaktiv ein Quiz lösen kann. Zusätzlich gibt es einen Videoclip, in dem man beobachten kann, wie Steinböcke kämpfen und man kann direkt Beobachtungsfragen beantworten. Bei meinen Lern-Apps haben die Lernenden besonders Ausdauer, weil nicht nur vorhandenes Wissen abgefragt wird. Man lernt handlungsorientiert von Grund auf, indem man Schilder zuordnet und die Spicktaste hilft einem in jeder Situation. Zuerst kann man alles ausprobieren, erst nachher gibt es einen Test.

Ich kenne meine Schüler und weiss, dass diese Apps lieben. Ich habe die Bewilligung von Verlagen geholt und entwickle nun die Lern-Apps in eigener Regie. Diese brauchen keine Codewörter und sind gratis. Man kann jederzeit unterbrechen und so Wartezeiten sinnvoll nutzen und ist in wenigen Sekunden nach einer Pause wieder einsatzbereit. Nur mit Multiple Choice-Fragen kann man Lernende nicht mehr begeistern. Bei meinen Lern-Apps wischen Lernende Schilder mit dem Finger handlungsorientiert an die entsprechende Stelle und bekommen sofort entsprechendes Feedback. Die Motivation ist gross. Die Downloadzahlen zeigen, dass Apps, die genau zu einem Lehrmittel passen, einem grossen Bedürfnis entsprechen.

Wo sehen Sie die grössten Vorteile für den Unterricht mit Tablets und Smartphones?

In vielen Schulen ist die Benutzung von Handy und Smartphone immer noch verboten. Klar - die Geräte stören den Unterricht, wenn sie zu unpassenden Zeiten piepsen. Aber sogar skeptische Lehrer sind plötzlich nicht mehr dagegen, wenn Schüler schnell mal bei einem Problem in Wikipedia nachschlagen können, den Taschenrechner benutzen, Wörter übersetzen, im Duden nachschlagen oder sich ein Diktat diktieren lassen. An unserer Oberstufenschule Weesen-Amden sind die Devices in allen Lektionen für den sinnvollen Gebrauch zugelassen. Zusätzlich stehen den Lernenden zum jetzigen Zeitpunkt 11 iPad Mini mit je 150 Lern-Apps zur Verfügung. Nur schon mit einem iPad mit Anschluss an den Beamer kann ich sehr viel machen. Wandtafel putzen und Wandtafel abschreiben gibt es nicht mehr. Mit Notes Plus oder GoodNotes erkläre ich mit Skizzen einem Lernenden persönlich ein Problem. Wer will, kann das am Beamer mitverfolgen. Mit zwei Klicks haben alle Lernenden diese Erklärungen in der Cloud abgespeichert. Das geht auch mit einem Videoclip. Wenn ich in Mathematik einen Input mache, erkläre ich mit dem iPad und Beamer. Mit Explain Everything nehme ich die Aufzeichnungen und den Ton auf. Die Lernenden können eine Erklärung mehrmals schauen und diese überall auch zu Hause anschauen, so oft sie wollen. Einen grossen Teil des Lernstoffes haben meine Lernenden in der Cloud. Die Resultate einer Gruppenarbeit werden mit Keynote festgehalten und können ohne Umwege gleich am Beamer auch vom Platz aus präsentiert werden. Dies ist viel einfacher und effizienter als mit dem mächtigen und komplizierten Powerpoint. Mit iStudiez Pro zeige ich immer am Tagesanfang, was ich alles geplant habe. Erledigte Aufgaben lösche ich und nicht erledigte verschiebe ich mit Klick auf die nächste Lektion.

Ich zeige den Lernenden, wie man solche Geräte sinnvoll fürs Lernen einsetzen kann. Nicht immer findet man Apps, die dem Schulstoff entsprechen. Dann schreiben die Lernenden Fragen und Antworten ins Wiki. Diese Daten können dann in die App Lernbox eingelesen werden und damit geübt werden.

Ein Tablet kann man ganz einfach wie ein Schulbuch im Rucksack versorgen. Zudem ist es rasch bereit; weil es nicht minutenlang aufstarten muss, kann es von den Lernenden rund um die Uhr genutzt werden. Einschalten – arbeiten – Punkt. Es eignet sich somit für die spontane Nutzung. Es gibt keine Scharniere, keine Tasten, keine Laufwerke mit beweglichen Teilen. Die Individualisierung des Unterrichts wird erleichtert. Die Lernenden lieben ihre Geräte. Die nachhaltige Motivation können wir für schulische Zwecke nutzen. Auch müssen sie weniger Gepäck schleppen und sie haben weniger ein Durcheinander mit den Blättern, weil ich in der Speicher-Cloud die Dokumente selbst ordnen kann. Mediennutzung ist auch Medienerziehung. Es macht Sinn zu lernen, mit den Geräten umzugehen mit denen heutige Jugendliche aufwachsen. Mobiles Lernen ermöglicht es unabhängig von Ort und Zeit zu lernen, mit einander zu kommunizieren, zu kooperieren und das Erarbeitete auszutauschen. Ein Tablet eignet sich besonders für Produktion, Arbeitsorganisation, Kommunikation, Kooperation und Wissensmanagement.

Wo sind die grössten Hürden?

Die Eltern neuer Lernenden muss man orientieren, wozu wir in der Schule die Geräte einsetzen und man muss klare Regeln abmachen und einfordern. In der Praxis tauschen die Lernenden die vorhandenen Geräte gegenseitig aus, auch wenn ich das nicht verlange. Bei einer Gruppenarbeit reicht es, wenn pro Gruppe ein Gerät verfügbar ist. Die Schule ergänzt den privaten Gerätepark der Lernenden.

Welches sind aus Ihrer Sicht die grössten Herausforderungen für das Schweizerische System der Berufsbildung?

Um Jugendliche auf die Zukunft vorzubereiten, darf niemand stehen bleiben. Praktische Kompetenzen wird es immer noch brauchen und so wird es auch ein System der Berufsbildung im Jahr 2050 geben.

06.01.2014

Kontakt

Andreas Streiff andres.streiff@lernklick.ch

Die Fragen stellte Gallus Zahno, Redaktor Berufsbildung educa.ch gallus.zahno@educa.ch

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Letzte Aktualisierung dieser Seite: 16.02.2016

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