Gute Vorbereitung auf den Wandel in der Arbeitswelt

Die Arbeitswelt verändert sich rasant. Kommen Berufsleute mit Hochschulabschluss mit dieser Dynamik besser zurecht als solche mit einer Berufsbildung? Dieser Frage ging eine Studie des Eidgenössischen Hochschulinsituts für Berufsbildung nach. Annina Eymann und Jürg Schweri, Forschende am EHB IFFP IUFFP, geben Insight Berufsbildung Auskunft über die Resultate.

Schweri Eyman

«Die Berufsfachschule sollte daher das erstmalige Erlernen eines Berufes mit geeigneten Arbeitstechniken und Möglichkeiten zum Nachdenken über diesen Lernprozess begleiten. Wie gehe ich vor, um mich vom Neuling zur Fachkraft zu entwickeln?»

Annina Eymann und Jürg Schweri, Autoren der Studie

Frau Eymann und Herr Schweri, weshalb haben Sie nach der obligatorischen Schulzeit (k)eine Berufslehre absolviert?

Annina Eymann: Bereits vor Beendigung der obligatorischen Schulzeit war ich im Untergymnasium, welches es damals im Kanton Bern noch gab. Somit war der berufliche Weg recht vorgespurt. Trotzdem habe ich in zwei verschiedenen Berufen geschnuppert, einmal als Augenoptikerin und einmal im KV. Mein damaliges Berufsziel (Historikerin) rief jedoch nach dem gymnasialen Weg. Und ich habe die Wahl nicht bereut, auch wenn ich nun nicht Historikerin bin.

Jürg Schweri: Ich wuchs in Österreich und Deutschland auf, wo das Gymnasium bereits ab der 5. Klasse begann. Im Gymnasium war der „Wechsel“ in eine Berufslehre kaum ein Thema, oder nur für jene mit ungenügenden Schulleistungen. Als Bildungsforscher finde ich diese frühe Einteilung der Kinder in verschiedene Schulleistungszüge nicht gut, aber der gymnasiale Weg passte damals gut zu mir, denn ich träumte davon, Archäologe zu werden.

Wie lautete Ihre Forschungsfrage für die Studie "Horizontal Skills Mismatch and Vocational Education"?

Eymann: Immer wieder müssen die Vertreterinnen und Vertreter der Berufsbildung darlegen, ob die Berufsbildung noch zeitgemäss und vor allem fähig sei, die Jugendlichen auf den dynamischen Arbeitsmarkt von heute und morgen vorzubereiten. Oft steht die Kritik im Raum, die Berufsbildung sei zu starr und vermittle zu spezifische Qualifikationen. Da liegt es für das EHB IFFP IUFFP nahe, solche Vermutungen genauer zu analysieren. Wir haben untersucht, ob es tatsächlich ein Auseinanderklaffen („mismatch“) gibt von erlernten Qualifikationen einerseits und auf dem Arbeitsplatz benötigten Qualifikationen andererseits. Weiter haben wir untersucht, ob dieser Mismatch zu einer Lohneinbusse führt.

Schweri: Für die Studie haben wir uns auf einen grossen Längsschnittdatensatz, das Schweizerische Haushaltspanel, abgestützt. Jedes Jahr können die Befragten dort angeben, wie sie ihre eigene Qualifikation in Bezug auf die aktuelle Stelle einschätzen: empfinden sie sich als über- oder unterqualifiziert oder sehen sie keinen Bezug der eigenen Qualifikationen zu den auf der Stelle benötigten? Zusätzlich vergleichen wir den erlernten Beruf mit dem ausgeübten Beruf und schauen, ob Arbeitnehmende, die nicht mehr im erlernten Beruf arbeiten, deswegen weniger verdienen.

Welche Erkenntnisse haben Sie gewonnen?

Eymann: Ungefähr 80% aller Arbeitnehmenden empfinden sich als adäquat qualifiziert, sie erleben also keinen Mismatch. Ungefähr 3% (bei den Frauen etwas mehr als bei den Männern) sehen keinen Bezug ihrer Qualifikation zur aktuellen Stelle. 15% empfinden sich als überqualifiziert und 2% als unterqualifiziert. Wir vergleichen die Löhne von adäquat qualifizierten Personen mit den Löhnen von nicht-adäquat qualifizierten Personen. Wenn wir dabei Personen mit sonst gleichen Eigenschaften (wie Geschlecht, Alter usw.) vergleichen, haben überqualifizierte Männer einen Lohnnachteil von 1,7% und überqualifizierte Frauen einen Lohnnachteil von 2,2%. Sehen die einzelnen Personen einen Mismatch zwischen eigener Qualifikation und benötigter Qualifikation, wirkt sich das nur für Frauen negativ auf den Lohn aus. Diese Frauen verdienen durchschnittlich 3,2% weniger als adäquat qualifizierte Frauen. Bei den Männern gibt es keine Lohnunterschiede. Wir gehen davon aus, dass dieser Unterschied vor allem auf die unterschiedlichen Erwerbsverläufen von Frauen und Männern zurückzuführen ist.

Schweri: Weiter stellen wir fest, dass ungefähr 50% aller Arbeitnehmenden nicht mehr in dem Berufsfeld arbeiten, das sie erlernt haben. Da finden sich kaum Unterschiede zwischen Männern und Frauen. Personen mit Berufsbildung sind sogar zu einem grösseren Anteil nicht mehr im erlernten Beruf tätig als Personen mit einem Allgemeinbildungs-Abschluss. Und wir finden keine Unterschiede in den Löhnen zwischen Personen, die im erlernten Berufsfeld arbeiten und solchen, die das nicht tun, wenn wir Personen mit sonst gleichen Eigenschaften vergleichen. Das gilt gleichermassen für Personen mit beruflicher Grundbildung, mit höherer Berufsbildung oder einem Universitätsdiplom als höchstem Abschluss.

Berufsspezifische Qualifikationen veralten rasch, monieren Kritiker des beruflichen Bildungsweges. Das sieht man auch daran, dass ganze Berufsfelder aussterben oder sich rasch wandeln. Weshalb bleiben durch Berufsbildung erworbene Kompetenzen trotzdem langfristig aktuell?

Schweri: Wir interpretieren unsere Resultate so, dass sich der „normale“, wenn auch rasche Wandel der Arbeitswelt offenbar mit formaler oder informeller Weiterbildung, auch on-the-job, recht gut auffangen lässt. Auch Personen mit einem Abschluss der Berufsbildung sind auf dem Arbeitsmarkt langfristig erfolgreich. Diese Aussagen beziehen sich auf eine Durchschnittsbetrachtung - nicht untersucht haben wir dagegen Extremsituationen wie beispielsweise die Krise der Uhrenindustrie in den Siebziger-Jahren, als rund die Hälfte der Arbeitsstellen verloren ging und eine sehr grosse Zahl von Fachkräften gezwungen war, eine neue Tätigkeit zu finden.

Was empfehlen Sie angesichts der sich rasch ändernden Arbeitswelt den Lehrpersonen in Berufsfachschulen?

Eymann: Unser Rat für die Bildung geht dahin, dass die Grundbildung, sei es beruflich oder allgemeinbildend, Jugendliche fit machen muss für den Arbeitsmarkt, ihnen aber auch die Bedeutung und Wichtigkeit von Weiterbildung vermittelt, Stichwort lebenslanges Lernen. Trotz einem hohen Anteil an Personen, die nicht mehr im erlernten Beruf arbeiten, erleben nur wenige Personen einen Lohnnachteil aufgrund mangelnder oder falscher Qualifikationen. Dies ist zu einem grossen Teil so, weil viel Weiterbildung (sei es on-the-job, formal, informell oder non-formal) betrieben wird. Jugendliche sollen also das Rüstzeug erhalten, ihre eigenen Qualifikationen immer wieder zu überdenken und zu aktualisieren.

Schweri: Berufslernende erlernen einen neuen Beruf. Wenn sie später im Berufsleben in einen neuen Beruf wechseln wollen oder müssen, werden sie sich in einer ähnlichen Situation wiederfinden. Die Berufsfachschule sollte daher nicht zuletzt dieses erstmalige Erlernen eines Berufes mit geeigneten Arbeitstechniken und Möglichkeiten zum Nachdenken über diesen Prozess begleiten. Wie gehe ich vor, um mich vom Neuling zur Fachkraft zu entwickeln? Wenn mir dies in der Lehre gut gelingt, ist das bereits eine wichtige Voraussetzung, um sich später im Berufsleben in neuen Situationen ebenfalls gut zurecht zu finden.

Welches sind aus Ihrer Sicht die grössten Herausforderungen für das Schweizerische System der Berufsbildung?

Schweri: In der beruflichen Grundbildung wurde in den letzten 15 Jahren viel reformiert und investiert. Da geht es vor allem darum, die Umsetzung in Schulen, Betrieben und Überbetrieblichen Kursen zu optimieren, beispielsweise um die Ausbildungsqualität wo möglich noch zu steigern und die Zahl der Lehrvertragsauflösungen zu reduzieren. Eine Herausforderung bleibt die Nahtstelle 1 mit der ausgeprägt genderstereotypen Berufswahl, das heisst die Dominanz von einseitig männer- und frauenlastigen Berufen. Der Lehrplan 21 gibt hier einen Anstoss mit der Aufwertung des Berufswahlunterrichts. Schliesslich rückt die höhere Berufsbildung in den Fokus, wo sich neben den laufenden Bemühungen um eine neue Positionierung und Finanzierung auch die Frage nach der Heterogenität und Qualität der Angebote stellt. Ein Reformprozess wie in der beruflichen Grundbildung könnte auch hier wichtige neue Impulse geben.

01.04.2015

Kontakt

Jürg Schweri Juerg.Schweri@ehb-schweiz.ch

Annina Eymann Annina.Eymann@ehb-schweiz.ch

Die Fragen stellte Gallus Zahno, Redaktor Berufsbildung educa.ch gallus.zahno@educa.ch

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Interview als pdf (PDF, 291.83 KB)
Letzte Aktualisierung dieser Seite: 19.06.2017

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