Fördern Gruppenarbeiten die Teamkompetenz?

Können Gruppenarbeiten im Unterricht die Entwicklung von Teamkompetenzen fördern? In einem Forschungsprojekt wurde untersucht, unter welchen Bedingungen Gruppenarbeiten in der Schule erfolgreich sein können. Leiter des Projektes war Dieter Euler, Direktor des Instituts für Wirtschaftspädagogik der Universität St. Gallen.

Dieter Euler

«Reflexion ist zunächst anstrengend und daher für viele Lernende nicht per se sehr erstrebenswert. Die Lernenden müssen also erkennen, dass ein Vor- und Nachdenken über einzelne Aspekte der Gruppenaufgabe oder über den sozialen Prozess der Gruppenarbeit sie zu interessanten Erkenntnissen führt.»

Prof. Dr. Dieter Euler, Universität St. Gallen

Herr Euler, weshalb haben Sie nach der obligatorischen Schulzeit (k)eine Berufslehre absolviert?

Ich habe nach der Schulzeit zunächst eine Berufslehre absolviert. Damals wurde gerade der Ausbildungsberuf „Datenverarbeitungskaufmann“ geschaffen und ich erhielt auf meine Bewerbung die Chance, in diesen damals sehr interessanten Beruf einzusteigen. Es war noch die Zeit der Grossrechner, den PC gab es noch nicht. In den Betrieben trugen die Leute aus der DV-Abteilung alle weisse Kittel und wurden ehrfürchtig angeschaut … Eine spannende Erfahrung nach einer Schulzeit, in der die Schüler den Lehrenden zumeist bei der Arbeit zuschauten.

Sie haben am Institut für Wirtschaftspädagogik der Universität St. Gallen ein Projekt zum Thema 'Förderung von Teamkompetenzen' durchgeführt. Von welchen Fragestellungen sind Sie dabei ausgegangen?

Es handelt sich um ein Projekt, das von dem Schweizerischen Nationalfond (SNF) gefördert wurde. Obwohl es ein wissenschaftliches Projekt war, haben wir immer auch den Anwendungsnutzen für die Schulen und Lehrpersonen im Blick gehabt. Ausgangspunkt unserer Untersuchung waren die beiden folgenden Fragestellungen:

  • Welche Auswirkungen haben durch Lehrpersonen angeleitete Reflexionen über die Gruppenarbeit auf die Entwicklung von Teamkompetenzen der Gruppenmitglieder?

  • Welche Auswirkungen haben durch die Lehrpersonen angeleitete Reflexionen auf die Teamleistung?

Ein zentrales Interesse bestand für uns darin, das verbreitete Postulat der Förderung von Teamkompetenzen in die didaktische Praxis zu überführen. Die häufig in der Praxis vernehmbare Formel: „Ich fördere Sozialkompetenzen, weil ich Gruppenarbeiten durchführe“ schien uns etwas kurz gegriffen.

Gruppenarbeiten haben oft einen schlechten Ruf (brauchen viel Zeit, wenig effizient, Trittbrettfahrer...). Bitte erklären Sie uns die wichtigsten Ergebnisse der Untersuchung.

Ja, Gruppenarbeiten werden von vielen Lehrpersonen einerseits etwas überschätzt, andererseits aber auch in ihrem Potenzial nicht ausgeschöpft. Sie werden überschätzt, wenn alleine von der Existenz der Gruppenarbeit auf eine Wirksamkeit geschlossen wird. Schliesslich wird durch den Bau einer Bibliothek auch noch niemand zu einem gebildeten Menschen. Und dass man sehr viel mehr aus Gruppenarbeiten machen kann, als dies häufig der Fall ist, legen die Negativmeinungen ebenso nahe wie die didaktische Literatur. Gestützt auf die einschlägige Literatur gingen wir von der Annahme aus, dass über angeleitete Reflexionsprozesse im Rahmen der Gruppenarbeit sowohl Teamkompetenzen als auch die fachliche Bewältigung der Teamaufgaben gefördert werden können. Um dies zu überprüfen, haben wir mehr als 900 Lernende in 44 Klassen über ein Jahr in gezielten Formen der Gruppenarbeit lernen lassen. Die Lernenden wurden in feste Stammgruppen eingeteilt und mussten über das Schuljahr verteilt mindestens fünf komplexe Aufgaben über mindestens zwei Lektionen in ihrer Gruppe bearbeiten. Dabei haben wir sie – wie üblich in solchen Untersuchungen – in Experimental- und Kontrollgruppen aufgeteilt. In den Experimentalgruppen wurden die Lernenden angeleitet, sich an bestimmten Stellen der Gruppenarbeit Ziele zu setzen, über die Erreichung dieser Ziele zu reflektieren und schliesslich ihre Erfahrungen in der Gruppe nach aufgaben- und sozialbezogenen Kriterien zu reflektieren. Die Lehrperson unterstützte diesen Prozess aktiv und beobachtete die Gruppen. Jede Gruppe erhielt nach der Gruppenarbeit von der Lehrperson ein Feedback. In den Kontrollgruppen war die Reflexion auf eine Einheit am Ende der Gruppenarbeit begrenzt und die Rückmeldung der Lehrperson bezog sich lediglich auf die fachliche Aufgabenleistung. Wir haben insgesamt 29 Hypothesen entwickelt und untersucht – hier nur einige der Ergebnisse:

  • Die Teamkompetenzen entwickelten sich in den Experimentalgruppen deutlich stärker als in den Kontrollgruppen.

  • Die Reflexion im Team korrelierte hoch mit der wahrgenommenen Anleitung durch den Lehrenden, dem Grad der Aufgabeninterdependenz, der Einschätzung der Aufgabenstellung als sinnvoll und der prinzipiellen Einstellung gegenüber Gruppenarbeit. Die Feedbackqualität durch den Lehrenden wurde als sehr hoch beurteilt, hatte aber keine signifikante Wirkung auf die Reflexionsintensität.

  • Zwischen der angeleiteten Teamreflexivität und den Teamkompetenzen (die im Projekt näher definiert und differenziert wurden) zeigte sich ein starker Effekt. Das bedeutet, dass die Reflexion tatsächlich bedeutsam zur Entwicklung spezifischer Teamkompetenzen beigetragen hat.

  • Das didaktische Förderkonzept erwies sich als prinzipiell tragfähig im Hinblick auf die Förderung von Teamkompetenzen sowie partiell im Hinblick auf die Teamleistungen.

Worauf müssen Lehrpersonen an Berufsschulen achten, damit Gruppenarbeiten gewinnbringend und lerneffizient sind?

Für die konkrete Gestaltung von Gruppenarbeit lassen sich aus der Untersuchung die folgenden Empfehlungen ableiten:

  • Die Anleitung zur Reflexion sollte möglichst variantenreich gestaltet werden.

  • Das Feedback sollte in seinem Gegenstand und in der Formulierung so gestaltet werden, dass es Anlass zu Nachdenken gibt. Häufig ist es zu abschliessend und wird von den Lernenden als etwas ‚Gegebenes‘ aufgenommen.

  • Gruppenarbeitsaufgaben sollten so gestaltet werden, dass eine Zusammenarbeit zwischen den Lernenden in der Gruppenarbeit unverzichtbar wird.

  • Die Aufgabenstellungen für die Gruppenarbeiten sollten herausfordernd und sinnvoll sein.

  • Die Anleitung zur Reflexion sollte sich primär auf solche Facetten richten, die in der Untersuchung vergleichsweise deutliche Wirkungen ausgelöst haben.

Offensichtlich spielt die Reflexion über Teamarbeiten eine grosse Rolle für die Entwicklung von Teamkompetenz. Wie kann diese Reflexion im Unterricht angeleitet werden?

Reflexion ist zunächst anstrengend und daher für viele Lernende nicht per se sehr erstrebenswert. Die Lernenden müssen also erkennen, dass ein Vor- und Nachdenken über einzelne Aspekte der Gruppenaufgabe oder über den sozialen Prozess der Gruppenarbeit sie zu interessanten Erkenntnissen führt. Zudem sollte Reflexion zu einer Gewohnheit in der Gruppe werden, d.h. sie ist kein einmaliges Ereignis, sondern Teil des Prozesses. In unserem Projekt haben wir im Hinblick auf eine komplexe Gruppenarbeit vier unterschiedliche Anlässe für die Reflexion geschaffen:

  • Die Lernenden sollen zu Beginn darüber nachdenken, welche Ziele sie in der Gruppenarbeit erreichen wollen. Die Ziele können dabei sowohl aufgaben- als auch sozialbezogen sein.

  • Nach einer ersten Gruppenarbeitsphase sollen sie über das bisherige Vorgehen und die Zielangemessenheit der bis dahin vollzogenen Gruppenarbeit nachdenken. Dabei kann sich die Reflexion auf unterschiedliche Gegenstände beziehen, wobei diese von Mal zu Mal auch wechseln sollten. Einige mögliche Anleitungsfragen zur Auslösung von Reflexionen: Wie tauschen wir uns in der Gruppe aus – tauschen wir nur die geteilten Informationen aus, oder reden wir auch über ungeteilte Informationen (d.h. über solche Informationen, die nur einzelne Gruppenmitglieder besitzen)? Wie treffen wir unsere Entscheidungen (z.B. nach Abwägung von Alternativen oder ‚first best‘)? Wie überprüfen wir die Erreichung der Ziele? Was tun wir, um den Zusammenhalt in der Gruppe zu stärken? Inwieweit übernehmen alle einen Teil Verantwortung für die Gruppenprozesse? Wie gehen wir mit unterschiedlichen Positionen, Meinungen, Konflikten um?

  • Nach Erreichung des Arbeitsergebnisses sollten die Arbeitsergebnisse nochmals zusammenfassend dargestellt und eingeschätzt werden.

  • Die Einbeziehung eines Feedbacks in den Gruppenprozess impliziert ebenfalls eine Reflexionsaktivität und kann schon aus diesem Grunde bedeutsam sein.

Welches sind aus Ihrer Sicht die grössten Herausforderungen für das Schweizerische System der Berufsbildung?

Aus der Vielzahl denkbarer Herausforderungen sollen zwei hervorgehoben werden:

  • Konvergenz von Berufs- und Hochschulbildung: Einerseits wird die Zahl der Maturanden bis 2030 auch in der Schweiz deutlich zunehmen, andererseits werden viele Studiengänge an den Hochschulen immer berufsbezogener. Das höhere Prestige der akademischen Abschlüsse könnte die Berufslehre ‚unter Druck‘ bringen, zumindest in dem Segment der anspruchsvolleren Berufe.

  • Umgang mit Heterogenität: Die Population der Berufslernenden wird noch heterogener. Unterschiedliche kognitive Leistungsniveaus, divergente kulturelle Erfahrungshintergründe, Forderungen nach Inklusion etc. verbunden mit der demografischen Entwicklung verändern die Anforderungen auch an die Berufslehre: Nicht mehr die Anpassung der Lehrenden an die Lehre, sondern die Anpassung der Lehre an die individuellen Voraussetzungen der Lernenden bildet das Leitprinzip.

20.09.2015

Kontakt

Dieter Euler dieter.euler@unisg.ch

Die Fragen stellte Gallus Zahno, Redaktor Berufsbildung educa.ch gallus.zahno@educa.ch

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Letzte Aktualisierung dieser Seite: 20.03.2017

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