Die Finanzkompetenzen Jugendlicher fördern

"Fit for Finance" ist ein vom Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) unterstütztes Projekt zur Förderung der Finanzkompetenzen von Jugendlichen und will ein didaktisches Konzept für den allgemeinbildenden Unterricht an Berufsschulen bereitstellen. Prof. Dr. Carmela Aprea ist Projektleiterin von "Fit for Finance" und Leiterin des Forschungsschwerpunkts „Aktuelle Kontexte der Berufsbildung“ am Eidgenössischen Hochschulinstitut für Berufsbildung (EHB IFFP IUFFP).

Carmela Aprea

"Für eine effektive Nutzung im Unterricht fehlt ein theoretisch und empirisch fundiertes didaktisches Gesamtkonzept, welches die bestehenden Angebote systematisch integriert und auf die Bedürfnisse sowie die kognitiven und motivationalen Ausgangslagen der Lernenden abstimmt."

Carmela Aprea, Projektleiterin "Fit for Finance"

Frau Aprea, weshalb haben Sie nach der obligatorischen Schulzeit (k)eine Berufslehre absolviert?

Ich habe schon zu Schulzeiten in allen möglichen Bereichen gejobbt, unter anderem in einer Druckerei, in einer Gärtnerei und im Servicebereich. Nach dem Abitur hat mich dann die intellektuelle Atmosphäre einer Universität sehr angezogen – und nie mehr wieder losgelassen. Während meines Studiums der Wirtschaftspädagogik, Betriebswirtschaftslehre und Psychologie an der Goethe Universität in Frankfurt am Main habe ich aber durchgängig gearbeitet, vor allem im kaufmännischen Bereich und im Bildungswesen.

Warum ist das Projekt «Fit for Finance» zur Förderung der Finanzkompetenzen von Jugendlichen entstanden?

Der Fähigkeit, mit Geld und Finanzthemen adäquat umzugehen, kommt angesichts aktueller Trends in Wirtschaft und Gesellschaft eine zentrale Bedeutung zu. Dies gilt insbesondere für Lernende an Berufsfachschulen, denn sie verdienen nicht nur ihr eigenes und verfügen damit zumeist erstmalig über umfänglichere finanzielle Mittel, sondern sie befinden sich häufig auch an einer kritischen Entwick-lungsschwelle, an der längerfristige Kauf- und Finanzentscheidungen wie z.B. der Erwerb eines eigenen Autos oder die Anmietung einer eigenen Wohnung anstehen. Diese Herausforderung gewinnt dann an Brisanz, wenn Heranwachsende in ihrem sozialen Umfeld keine adäquate Unterstützung in finanziellen Angelegenheiten erhalten. Für den Allgemeinbildenden Unterricht (ABU) in Berufsfachschulen existieren zwar zahlreiche, in der Regel kostenlose Lehrmittel, die von verschiedenen Akteuren lanciert werden. Was für eine effektive Nutzung jedoch fehlt, ist ein theoretisch und empirisch fundiertes didaktisches Gesamtkonzept, welches die bestehenden Angebote systematisch integriert und auf die Bedürfnisse sowie die kognitiven und motivationalen Ausgangslagen der Lernenden abstimmt. An dieser Stelle setzt „Fit for Finance“ an. Es ist das grundlegende Projektziel, ein auf Berufslernende abgestimmtes didaktisches Konzept zur Förderung von finanzieller Allgemeinbildung voranzubringen. Es soll ABU-Lehrkräfte bei der Gestaltung und Umsetzung effektiver Lernangebote in diesem Bereich unterstützen. In einer ersten Projektphase von Mai bis Dezember 2013 wurde zunächst der Status quo der finanziellen Allgemeinbildung an Schweizerischen Berufsfachschulen erhoben. Dies erfolgte mittels einer schriftlichen Online-Befragung von ABU-Lehrpersonen. In der zweiten, im Januar 2014 gestarteten Phase werden gemeinsam mit Lehrpersonen exemplarische Lehr-Lern-Szenarien zur Förderung finanzieller Allgemeinbildung entwickelt, erprobt und evaluiert. Hierzu wurde ein erweitertes Projektteam eingerichtet, zu dem neben den Vertreterinnen und Vertretern der Projektträger vier Lehrpersonen der genannten Zielgruppe gehören. „Fit for Finance“ ist ein gemeinsames Projekt des Dachverbands der Schweizer Berufs-fachschullehrpersonen (Berufsbildung Schweiz, BCH|FPS), des Eidgenössischen Hochschulinstituts für Berufsbildung (EHB IFFP IUFFP) und der unabhängigen Unternehmensberatung Primecoach AG. Diese aufgabenorientierte Kooperation von Partnerorganisationen aus der Berufsbildungspraxis, der Berufsbildungsforschung sowie aus der Finanzbranche ermöglicht den Einbezug verschiedener Blickwinkel, wissenschaftliche Fundierung sowie Praxisnähe. Zudem setzt das Projekt auf die Vernetzung wichtiger Stakeholder im Bereich der finanziellen Allgemeinbildung und der schweizerischen Berufsbildung und ist damit bislang einmalig in seiner Art. Das Projekt wird vom Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) finanziell unterstützt.

Welche didaktischen Grundsätze liegen dem Projekt zugrunde?

Wie bereits erwähnt, hat „Fit for Finance“ nicht die Absicht, ein weiteres Lehrmittel zu produzieren. Vielmehr geht es darum, ein fundiertes didaktisches Gesamtkonzept zu entwickeln, welches die bestehenden Angebote bestmöglich integriert und den Lehrpersonen auch curriculare und methodische Hinweise zur Gestaltung von Lehr-Lern-Szenarien liefert. Die Basis des Projekts bildet ein ganzheitlicher Ansatz von finanzieller Allgemeinbildung, bei dem neben Wissen und kognitiven Fähigkeiten zum Umgang mit Geld und zu Finanzthemen auch emotional-motivationale Aspekte sowie Einstellungen und Werthaltungen einbezogen werden. Dieser Orientierung an einem umfassenden Ansatz liegen zum einen fachwissenschaftliche Überlegungen zugrunde, wonach Kauf- und Finanzentscheidungen nicht nur von rational-kognitiven Überlegungen gesteuert werden, sondern immer auch motivational-emotionalen Einflüssen unterliegen (z.B. Fähigkeit zum Bedürfnisaufschub, Statuserwägungen). Zum anderen waren aber auch normative Erwägungen handlungsleitend, wonach wir den Bildungsauftrag von Berufsfachschulen darin sehen, Berufslernende im Hinblick auf vorliegende Anforderungen sowohl tüchtig als auch mündig zu machen. Diese Überlegungen finden ihren Niederschlag im Konzept der „Finanziellen Handlungsfähigkeit“, welches die Zieldimension im Projekt zum Ausdruck bringen soll. Im Sinne einer Arbeitsdefinition verstehen wir hierunter ein Handlungspotential, welches die Lernenden befähigt

(a) zur adäquaten Planung, Umsetzung und Kontrolle individueller finanzieller Entscheidungen sowie

(b) zur Urteilsfindung und kritischen Reflexion im relationalen und systemischen (Finanz-)Kontext.

Dieses Potential beruht auf der Aktivierung und dem Zusammenwirken psychischer Dispositionen (insb. Wissen, Können, Motivationen, Emotionen, Einstellungen, Werthaltungen). Die Lehr-Lern-Szenarien sollen so gestaltet werden, dass sie die Lernenden beim Aufbau dieses Handlungspotentials unterstützen.

Junge Erwachsene lassen sich nur schwerlich auf Themen ein, die sie nicht unmittelbar berühren. Wie können Sie sie trotzdem mit Themen wie beispielsweise der Gründung einer Familie oder dem Kauf von Wohneigentum erreichen?

Die Themen für die Entwicklung der Lehr-Lern-Szenarien werden so gewählt, dass die jungen Erwachsenen einen direkten Bezug zu ihrer Lebenswelt und ihren Erfahrungen herstellen können und dadurch eine aktuelle Betroffenheit spüren. Um diese wichtige Grundvoraussetzung für effektive Lernprozesse zu gewährleisten, orientieren wir uns an der Lebenslinie der Lernenden. Wir haben folgende vier relevante Handlungsfelder definiert, die entlang der Lebenslinie angeordnet werden können:

(1) Die eigene finanzielle Situation einschätzen;

(2) Alltägliche Geld- und Finanzgeschäfte tätigen (d.h. planen, durchführen und kontrollieren);

(3) grössere Finanzentscheidung (z.B. Führerscheinprüfung oder Autokauf) treffen und

(4) Finanzielle Vorsorge für einen mittelfristigen Planungshorizont treffen.

Dabei verfolgen wir das Ziel, alle Handlungsfelder sowohl als persönliche Finanzentscheidungen wie auch mit ihren Bezügen zum umfassenderen kulturellen und systemischen Finanzkontext zu betrachtet. Aktuell sind wir mit den im Entwicklungsprozess involvierten Lehrpersonen daran, authentische Lernaufgaben zu den einzelnen Handlungsfeldern auszuarbeiten.

Was können Lehrpersonen an Berufsfachschulen konkret vom Projekt «Fit for Finance» erwarten?

Das Projekt arbeitet nach dem Prinzip „für die Praxis aus der Praxis“, indem es, wie bereits angetönt, die Perspektiven und Expertisen von ABU-Lehrpersonen und Berufslernenden explizit mit einbezieht. Folglich ist es das primäre Ziel, nützliche und umsetzbare Projektergebnisse zu produzieren, welche die Lehrkräfte bei der Gestaltung und Umsetzung effektiver Lernangebote in diesem Bereich unterstützen. In diesem Sinne werden die Entwicklungs- und Erprobungsarbeiten der Lehr-Lern-Szenarien zu einem didaktischen Gesamtkonzept verdichtet, welches insbesondere auch die Erstellung eines Leitfadens umfasst, in den zentrale Gestaltungsprinzipien des Unterrichtskonzepts sowie die Erfahrungsberichte als Best-Practice Beispiele einfliessen. Dieser Leitfaden wird den ABU-Lehrpersonen in der Schweiz für ihren Unterricht zur Verfügung gestellt.

Welches sind aus Ihrer Sicht die grössten Herausforderungen für das Schweizerische System der Berufsbildung?

Ich bin davon überzeugt, dass die Schweiz über ein solides und sehr erfolgreiches Berufsbildungssystem verfügt, das es auch in Zukunft zu erhalten gilt. Dessen Stärken äussern sich u.a. in der starken Verwurzelung dieses Systems, die identitätsstiftend wirkt und eine hohe Integration von Jugendlichen ermöglicht. Dies zeigt nicht zuletzt die tiefe Jugendarbeitslosigkeit, mit einem sehr geringen Anteil an Jugendlichen ohne nachobligatorische Ausbildung. Weitere Pluspunkte sind zudem die grosse Bandbreite des Ausbildungsangebots, die ausgeprägte Verzahnung mit dem Arbeitsmarkt, die funktionierende Verbundpartnerschaft sowie die vergleichsweise hohe Durchlässigkeit. Gleichwohl sind sowohl auf nationaler wie auch auf internationaler Ebene Herausforderungen auszumachen, die angegangen werden müssen. Zu nennen sind hier insbesondere die demographische Entwicklung sowie die steigende Konkurrenz zwischen Berufs- vs. Allgemeinbildung. Da in den kommenden Jahren laut Prognosen des BFS ein Rückgang der Eintritte in Bildungssystem zu erwarten ist, kann es in der Folge zu einem Konkurrenzkampf unter Bildungsinstitutionen kommen, deren Auswirkungen auf die Verteilung zwischen Abgängerinnen und Abgängern von schulischer und beruflicher Ausbildung noch unklar sind. In jedem Fall braucht es hier verstärkte Bemühungen der Berufsbildung, die Eltern und Jugendlichen für die Durchlässigkeit des Bildungssystems zu sensibilisieren. Viel zu wenige wissen, dass jederzeit eine Veränderung des eingeschlagenen Weges möglich ist. Dies gilt insbesondere für ausländische Familien, die mit dem (Berufs-)Bildungssystem wenig vertraut sind. Eine weitere Herausforderung betrifft den Strukturwandel in den Branchen, der eine fortlaufende Neuentwicklung und Anpassung von Berufsprofilen und Curricula erfordert. Last not least ist die zunehmende Globalisierung bzw. Internationalisierung von Unternehmen zu nennen. Eine fehlende Vertrautheit internationaler Unternehmen, die sich in der Schweiz niederlassen, mit der Tradition der Ausbildung von Lernenden sowie Auslagerungen von Produktionsprozessen an günstigere Standorte kann dazu führen, dass die Zahl der angebotenen Lehrstellen geringer wird. Werden diese Herausforderungen erfolgreich gemeistert – und davon gehe ich aus, so werden sicher auch im Jahr 2050 viele junge Menschen eine berufliche Grundbildung machen.

02.05.2014

Kontakt

Carmela Aprea carmela.aprea@iuffp-svizzera.ch

Die Fragen stellt Gallus Zahno, Redaktor Berufsbildung educa gallus.zahno@educa.ch

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Letzte Aktualisierung dieser Seite: 12.07.2016

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