Elektronische Lernmedien im Schulalltag

Lern- und Bildungsmedien sind nichts Neues in der Schule. Neu ist hingegen, dass elektronische Medien als Alltagswerkzeuge im Unterricht eingesetzt werden können. Matthias Vatter, Gründungspartner und Leiter Geschäftsbereich „Kommunikation“ der LerNetz AG, spricht über die Bedeutung von digitalen Lernmedien im Unterricht.

Matthias Vatter

"Allerdings glaube ich, dass der Begriff Medienkompetenz eher ein „Hilfskonstrukt“ für die Erwachsenen ist – bei der Medienkompetenz geht es um Kompetenzen, die immer schon wichtig waren, heute aber dank der Dauerpräsenz der Online-Medien wieder stärker ins Bewusstsein gerückt werden."

Matthias Vatter, LerNetz AG

Weshalb haben Sie nach der obligatorischen Schulzeit (k)eine Berufslehre absolviert?

Ich habe keine Berufslehre absolviert aber einen Beruf gelernt: ich liess mich an der damaligen „Höheren Mittelschule Marzili“ in Bern zum Primarlehrer ausbilden und erhielt dort 1993 mein Lehrerpatent. Danach studierte ich jedoch an der Universität Bern Geschichte, Politologie und Allgemeine Ökologie. Genau deshalb habe ich die damalige Seminarausbildung gewählt: weil sie neben einer soliden Berufsausbildung auch den Zugang zu den meisten universitären Studien ermöglichte. Es ist zu bedauern, dass dies so nicht mehr existiert – ich fand diese Kombination bestechend.

Die LerNetz AG produziert im Auftrag von öffentlichen und privaten Bestellern elektronische Lernmedien. Welchen Stellenwert nehmen heute neue Medien generell im schulischen Alltag ein?

Medien wurden ja eigentlich schon immer stark im Schulunterricht eingesetzt: angefangen beim Buch über das prachtvoll illustrierte Schaubild neben der Wandtafel bis hin zur Tonbildschau. Meine persönlichen Favoriten als Schüler waren immer die spannenden Minuten mit den Werken des Schweizerischen Film Instituts. Die neueren, digitalen und Online-Medien spielen bereits heute eine zentrale Rolle in zweifacher Hinsicht: erstens bringt sie fast jede/r Schüler/in als persönliches „Alltagswerkzeug“ täglich in die Schule mit (Handy/Smartphone) und zweitens werden immer mehr Lehr- und Lerninhalte mit Computer-basierten Medien (Beamer, Tablets etc.) genutzt. Was aber auffällt ist, dass die (medien-)didaktischen Unterrichtstrategien und Konzepte für diesen rasant steigenden Stellenwert digitaler Medien im Unterricht erst langsam entstehen. (Zu)viel ist hier noch von engagierten Einzelpersonen abhängig.

Gibt es bestimmte Medienformate, die sich besonders gut für den schulischen Unterricht an der Berufsschulstufe eignen?

Selbstverständlich: zum Beispiel das Buch…:-) Ernsthaft – wenn es um digitale Medien geht, dann sind das aus meiner Sicht Medienformate, welche verschiedene Zugänge und Einsatzformen sowohl im Präsenzunterricht als auch für das Selbststudium (Stichwort: individualisiertes Lernen) erlauben. Ein konkretes Beispiel: wenn ich zuerst einen professionell-produzierten Schulungsfilm zu einem physikalischen Alltagsphänomen zeige und dann die Schülerinnen und Schüler (SuS) einen eigenen, kurzen digitalen Lernfilm mit ihren Smartphones produzieren müssen, die dann gemeinsam visioniert und kritisiert werden, dann habe ich eine perfekte Unterrichtsanlage. So kann ich verschiedene didaktische Prozesse bewusst schulen, die wirklich relevanten Fachinformationen herausarbeiten und vermitteln und habe idealerweise am Schluss sogar konkrete Leistungsprodukte, die in sich stimmig sind und für die SuS ein vorzeigbares Produkt darstellen. Andere Beispiele sind der Einsatz von multimedialen Simulationen zur Vermittlung komplexer Zusammenhänge oder auch der Einsatz von so genannten „Serious Games“, also Lernspielen.

Kann man mit Games wirklich sinnvoll lernen und welche Rolle spielt die Medienkompetenz der Jugendlichen?

Als Kleinkinder lernen wir ja ausschliesslich im Spiel – warum also nicht auch später? Wichtig ist bei einem echten Lernspiel sicherlich eine saubere didaktische Konzeption und Struktur. Allerdings wehre ich mich grundsätzlich gegen ein Ausspielen von „Spielen vs. Lernen“. Beides gehört zusammen – auch bei Erwachsenen. Diese spielen im Berufsleben immerhin ständig Spielchen… Seit es Menschen gibt, werden neue Medien erfunden und so weiter entwickelt, dass sie irgendwann ältere Medienformen ablösen und diese zumindest teilweise ersetzen können. Gerade im Lehrmittelbereich kann ich mir gut vorstellen, dass das klassische Schulbuch in naher Zukunft ersetzt wird – anders als bei der Belletristik oder spezifischen Buchformen wie Kunstbücher o.ä. Natürlich wird dabei das, was wir heute als „Medienkompetenz“ bezeichnen, wichtiger. Allerdings glaube ich, dass dieser Begriff eher ein „Hilfskonstrukt“ für die Erwachsenen ist – bei der Medienkompetenz geht es um Kompetenzen, die immer schon wichtig waren, heute aber dank der Dauerpräsenz der Online-Medien wieder stärker ins Bewusstsein gerückt werden: kritische Rezeption von Informationen, die Fähigkeit die jeweils relevanten Informationen herauszufiltern und einzuordnen, selbstkritische Wahrnehmung des eigenen Nutzungsverhaltens, kreative Fähigkeiten zur eigenen Medienproduktion und die jeweils notwendigen und grundlegendsten technischen Anwender-Kompetenzen für die Alltagsnutzung der Medien. Kurz: nichts Neues – aber immer noch wichtig.

Sie sind auch für das LernFilm-Festival verantwortlich – welche Idee steckt hinter diesem Projekt?

Offen gestanden war das Ganze eine gemeinsame Spontanidee bei einem Nachtessen mit meinem Gründungskollegen Bernhard Probst und wurde ursprünglich als einmaliges „Jubiläumsprojekt“ zum zehnjährigen Bestehen der LerNetz AG lanciert. Wegen der vielen positiven Reaktionen versuchen wir nun, daraus mit Partnern ein nachhaltig finanziertes und unabhängiges Projekt zu machen. Die Idee entstand aus der Beobachtung, dass das Medium Film dank der Online-Medien (Youtube etc.) und der neueren Endgeräte (Smartphones, Tablets) wieder an Bedeutung zunimmt. Heute besteht das Projekt „LernFilm-Festival“ aus zwei Teilen: dem Wettbewerb unter lernfilm.ch und so genannten „Mediendidaktischen Begleitprojekten“, welche an Schulen (Volksschule bis Fachhochschule) durchgeführt werden. Dabei unterstützen unsere LernFilmprofis die Lehrpersonen bei der Umsetzung konkreter LernFilm-Projekte mit den Lernenden. Selbstverständlich also auch ein Angebot für Berufsfachschulen!

Welches sind aus Ihrer Sicht die grössten Herausforderungen für das Schweizerische System der Berufsbildung?

Es wäre mir jetzt etwas zu simpel, hier einfach ein Loblied auf die Berufsbildung zu singen. Gerade die Berufsbildung muss sich in den kommenden Jahren stark verändern, wenn sie weiterhin so erfolgreich als Bildungssystem funktionieren will. Das merke ich auch wenn ich dabei helfe, unsere drei Lernenden zu betreuen. Ohne jeglichen Anspruch auf Vollständigkeit sehe ich folgende Herausforderungen und Fragen an eine Berufsbildung der Zukunft:

  • Warum sollte eine Mehrheit der Jugendlichen auch weiterhin eine berufliche Grundbildung machen? Was genau ist der zukunftsträchtige Mehrwert der Berufsbildung? Und: lassen sich auch die Eltern und die Jugendlichen selbst davon überzeugen?

  • Wie geht die Privatwirtschaft mit den Auszubildenden um? Wie breit und verankert ist das Ausbildungsangebot und die Lernenden-Betreuung und -Begleitung im „Tagesgeschäft“ in einem Land, in dem mehr als 90% der Unternehmen kleine Unternehmen sind?

  • Wer nimmt auf Seiten der Berufspraxis in den Unternehmen und in Verwaltungsstellen diese zentrale Betreuungsaufgabe war? Wie nahe sind diese Personen der jugendlichen Lebensrealität und wie geeignet sind sie für diese anspruchsvolle Aufgabe?

  • Was ist der Wert einer akademischen Ausbildung und wie gelingt es uns als Gesellschaft, diesen Wert nicht gegen denjenigen der Berufsbildung auszuspielen sondern aus beiden zusammen einen echten Mehrwert herauszuholen?

10.1.2013

Kontakt

Matthias Vatter matthias.vatter@lernetz.ch

Die Fragen stellte Gallus Zahno, Redaktor Berufsbildung educa.ch gallus.zahno@educa.ch

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Letzte Aktualisierung dieser Seite: 16.03.2016

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