Digitale Kompetenz - Was die Schule dazu beitragen kann

Was müssen Lehrende und Lernende wissen, um sich in Sachen digitale Medien im gesellschaftlichen und privaten Umfeld selbstbestimmt bewegen zu können? Im Buch «Digitale Kompetenzen» werden vor dem Hintergrund Schule zehn Kompetenzen beleuchtet, die in Zeiten von Smartphone, Social Media etc. stetig an Bedeutung gewinnen. Der Mitautor Alois Hundertpfund von der PH Zürich erläutert die Absichten hinter dem Buch.

Alois Hunderpfund

«Unsere Absicht ist eher die Lehrperson darin zu bestärken, dass sie mit ihrem Potenzial auch unter veränderten Bedingungen gut unterrichten kann und dass nicht technische Fingerfertigkeiten und eine Vielzahl von Tools die Voraussetzungen dafür sind.»

Alois Hundertpfund, Mitautor des Buches

Herr Hundertpfund, weshalb haben Sie nach der obligatorischen Schulzeit (k)eine Berufslehre absolviert?

Ich ging gerne in die Schule, was bei den meisten meiner Kolleginnen und Kollegen nicht der Fall war. Allerdings war ich eher ein aufmüpfiger Schüler. Jedenfalls trat ich in die Handelsmatura-Abteilung der Kantonsschule ein, was nach der Sekundarschule eine gute Option war.

«Digitale Kompetenz- Was die Schule dazu beitragen kann» heisst Ihr Buch. Was bedeutet das für Lehrende und Lernende?

Werner Hartmann und ich haben uns die Voraussetzungen für die eine digitale Kompetenz nicht einfach aus den Fingern gesogen. Wir haben uns auf Untersuchungen in den USA und in Deutschland abgestützt und die daraus resultierenden Thesen und die Begründungen dafür studiert und diskutiert. Uns ist aufgefallen, dass die Unsicherheit im Umgang mit den digitalen Medien und dem Aufkommen der eLehrmittel dazu geführt hat, dass der Unterricht oft nur technisch hochgerüstet wurde. Viele Lehrpersonen „bereicherten“ den Unterricht mit digitalen Tools und hofften, dass sie damit die Herausforderungen der digitalen Welt angenommen hätten. Oft waren sie enttäuscht, dass die Lernenden mässig begeistert waren. Wie auch? Für die Lernenden war es keine Überraschung, dass auch im Unterricht digitale Werk- und Spielzeuge zur Verfügung standen. Werner Hartmann und ich betrachten jedoch das benötigte und sinnvolle technische Repertoire einer Lehrperson als unspektakulär. Unsere Absicht ist eher, die Lehrperson darin zu bestärken, dass sie mit ihrem Potenzial auch unter veränderten Bedingungen gut unterrichten kann und dass nicht technische Fingerfertigkeiten und eine Vielzahl von Tools die Voraussetzungen dafür sind. Wir wollen die Aufmerksamkeit der Lehrpersonen auf die Anforderungen der Zukunft richten. Wir hoffen, dass wir es schaffen, Unsicherheiten zu beseitigen und dass es gelingt, die Veränderungen in der Gesellschaft als Herausforderungen und nicht als Übel zu skizzieren.

Die «Verwandtschaft» mit Spitzers Buchtitel «Digitale Demenz» ist nicht zufällig. Wir stossen uns daran, dass dort anhand von Symptomen geschlossen wird, dass der Umgang mit den digitalen Medien zur Verdummung führe. Wir sind der Meinung, dass Spitzer auch schon in früheren Zeiten Veränderungen im Gehirn der Kinder und Jugendlichen gefunden hätte, wenn er jene Gehirne hätte untersuchen können, deren Trägerinnen oder Träger ständig und ausschweifend Comics gelesen oder Rockmusik gehört hätten. Verwahrlosung, egal aus welchem Grund, hat immer einen Effekt. Wir halten eher die «analoge Ignoranz» für schädlich.

Lehrpersonen haben gerade wegen dem leichten Zugriff der Lernenden auf digitale Medien nicht mehr die Deutungshoheit über Unterrichtsinhalte. Welche Folgen hat dieser Umstand auf die Rolle der Lehrperson und auf den Unterricht?

Eigentlich funktionieren weiterhin alle Unterrichtsformen. Die sogenannte Deutungshoheit ist ein Wort, das ich nur einem lehrpersonen-zentrierten Unterricht im schlechten Sinne zuordnen kann. Die Verantwortung für Unterricht bleibt auch künftig bei der Lehrperson. Dass Inhalte via digitale Medien regelmässig durch die Lernenden ergänzt werden, ist im Sinne der Kompetenzbildung und hat somit viel mit Autonomie zu tun. Eigentlich hätte es für Postulate in Richtung Selbständigkeit der Lernenden die digitalen Medien gar nicht gebraucht. Auf diesem Weg sind die Lehrpersonen in der Berufsschule schon seit längerem. Ich denke speziell, aber nicht ausschliesslich, an den Rahmenlehrplan für den allgemeinbildenden Unterricht an den schweizerischen Berufsschulen, der im Kern seit 1996 in Kraft ist und im Jahr 2004 revidiert wurde. Dass die digitalen Medien die Bestrebungen in Richtung Selbsttätigkeit und Selbstständigkeit unterstützen, ist erfreulich. Der Unterricht der Zukunft wird diese Möglichkeit regelmässig nutzen.

Können Sie anhand von einigen Beispielen einige wichtige digitale Kompetenzen erklären und beschreiben, wie diese im Unterricht umgesetzt werden können?

Die Beschreibung der Kompetenzen ist gerade der eigentliche Inhalt des Buches. Ich finde, das machen wir im Buch recht ausführlich. Die Frage zielt vielleicht auf ganz konkrete Anwenderkompetenzen. Da verweise ich, um ein Beispiel zu nennen, auf die Suchfunktionen der verschiedenen Browser, deren Konzepte vergleichbar sind. Allerdings können Suchanfragen mit ein paar Zusatzkenntnissen stark verfeinert oder eingeengt werden, so dass der Dschungel sich lichtet. Grundsätzlich legt das Buch jedoch Wert darauf, dass etwas im Kopf geschieht - hauptsächlich bezüglich der Förderung jener zehn Kompetenzen, die wir für unser Buch übernommen haben und die wir dort vertreten. Zu den einzelnen Kompetenzen machen wir regelmässig Beispiele im Sinne von Anregungen.

Dann haben wir uns die Freiheit genommen, Werke aus der Literatur zu nennen. Das Buch von Pirsig handelt von einem Qualitätsverständnis, das man dort auf unkonventionelle Weise behandelt findet. Dave Eggers schildert in «Der Circle» eine Welt, die uns eigentlich nur noch in einzelnen Details bevorsteht – das meiste gibt es bereits. Überwachung ist Programm und wird durch modische Selbstüberwachung ergänzt. Wer bei der Selbstversklavung nicht mitmacht ist «out», suspekt oder gar kriminell. Werte der Aufklärung – und was ist Schule anders, als eine Institution der Aufklärung – werden zu Hindernissen für eine «Brave New World» nach Aldous Huxley.

Nebst dem Buch gibt es die Website digitalekompetenz.ch. Welche Absicht verfolgen Sie damit?

Die digitalen Medien erlauben es uns, weiterführende Literatur zu nennen. Eine Homepage gibt uns auch die Möglichkeit, in den kommenden Monaten und Jahren aktuelle Veröffentlichungen aufzulisten, die mit den Anliegen des Buchs etwas zu tun haben. Der Zusatznutzen ergibt sich einerseits durch aktuelle Beiträge und andererseits durch die Möglichkeit, einzelne (oder alle) Thesen zu überprüfen und sich dort zu vertiefen, wo ein besonderes individuelles Interesse besteht.

Welches sind aus Ihrer Sicht die grössten Herausforderungen für das Schweizerische System der Berufsbildung?

So, wie ich die Lehrpersonen einschätze, ist die mangelnde Freude an Veränderungen nicht das grosse Problem. Ein Buch wie das unsere ist vielleicht eine willkommene Hilfe, wenn eine Lehrperson sich für den Alltag und die Zukunft ausrichtet. Die Herausforderung besteht jedoch bei den Voraussetzungen, die für die berufliche Ausbildung geschaffen werden. Unser Berufsbildungssystem wird zwar international gelobt und auch kopiert. National sind die Sparpolitikerinnen und -politiker allerdings daran, die Klassengrössen heraufzuschrauben, die Arbeitsbedingungen und die kreativen Freiräume der Lehrpersonen und der Schulleitungen mit betriebswirtschaftlichem Unsinn zu verschlechtern oder zu zerstören. In der Berufsausbildung werden gar erworbene Fähigkeiten, z. B. Fremdsprachenkenntnisse, für die meisten Lernenden nicht erhalten, geschweige denn gefördert. Es geht mir seit meiner Tätigkeit als Berufsschullehrperson, also seit ca. 30 Jahren, ganz schlecht runter, dass jene Leute, die praktisch kostenlos studiert und an Hochschulen oder an Universitäten einen Abschluss gemacht haben, im Bildungswesen dem Abbau und der Lähmung das Wort reden. Ich bin überzeugt, dass wir mit dem Geld, das wir für Qualitätssicherung und Controlling ausgeben, die Korrektur allfälliger Fehler in der Ausbildung locker finanzieren könnten. Es braucht keine exakten Zahlen, um zu ahnen, was das alles kostet - verordnet von Leuten, die sonst den Staat kranksparen wollen und von einer privaten Qualitätssicherungs-Lobby, die im Auftrag des Staates ihr grosses Geschäft macht. Gespart muss allerdings an den Schulen und somit am Unterricht werden. Dies dient dann offenbar dem Ziel, die Steuern tief zu halten oder zu senken. Zu den Täterinnen und Tätern gehören notabene die gleichen Politiker, die ständig davon sprechen, wie viele Lasten wir der Jugend aufbürden. Die schlimmste Last, die wir ihr aufbürden können, ist die Vernachlässigung der Bildung und die Verschlechterung der Bedingungen für die Ausbilder und für deren Institutionen. Diese Zeche bezahlen die künftigen Generationen. Es mag eine Weile gut gehen, weil die Lehrpersonen nicht wollen, dass der Unterricht schlechter wird. Nach meiner Meinung sind die Grenzen jedoch bereits überschritten.

09.10.2015

Literatur

Digitale Kompetenz - Was die Schule dazu beitragen kann

von Werner Hartmann und Alois Hundertpfund

ISBN 978-3-0355-0311-1 | hep verlag Bern

Kontakt

Alois Hundertpfund hundertpfund@gmx.ch

Die Fragen stellte Gallus Zahno, Redaktor Berufsbildung educa.ch gallus.zahno@educa.ch

Download

hundertpfund_digitale_kompetenz.pdf
Interview als pdf (PDF, 305.43 KB)
Letzte Aktualisierung dieser Seite: 20.03.2017

Job