Berufsbildungsforschung am EHB IFFP IUFFP

Forschung und Entwicklung ist, neben der Lehre, seit 2007 eine Kernkompetenz des Eidgenössischen Hochschulinstituts für Berufsbildung EHB IFFP IUFFP. Die Berufsbildungsforschung des EHB untersucht die Zusammenhänge zwischen Bildungssystem und Arbeitsmarkt. Die Leiterin Forschung & Entwicklung, Carmen Baumeler, spricht über Forschungsschwerpunkte und ihre Integration in die Berufsbildung.

Carmen Baumeler

"Wir am EHB betreiben empirische Forschung, d.h. wir erforschen die Alltagspraxis, und wissen deshalb, wie die Praxis tickt und welche Probleme sie hat."

Carmen Baumeler, Leiterin Forschung & Entwicklung am Eidgenössischen Hochschulinstitut für Berufsbildung EHB IFFP IUFFP

Frau Baumeler, weshalb haben Sie nach der obligatorischen Schulzeit (k)eine Berufslehre absolviert?

Dass ich keine Berufslehre absolviert habe, ist darauf zurückzuführen, dass ich mich nicht für einen Beruf entscheiden konnte. Mangels konkreter Ideen bin ich ins Gymnasium gegangen. Schliesslich habe ich mein Studium in Soziologie aufgenommen, was mir sehr gefallen hat. Dass ich keine Berufslehre gemacht habe, war auf alle Fälle nicht familiär vorgespurt: in meinem familiären Kontext war ich die einzige, die ein Studium absolviert hat.

Sie haben anlässlich des jüngsten EHB-Berufsbildungskongresses die Beobachtung formuliert, dass die Berufsbildungsforschung in den letzten Jahren zahlreicher und besser geworden ist. Können Sie das ausführen?

Vor etwa 10 Jahren wurde in einem Expertenbericht festgestellt, dass die Berufsbildungsforschung in der Schweiz fast inexistent ist. Mit dem neuen Berufsbildungsgesetz wurde die Grundlage für das Eidgenössische Hochschulinstitut für Berufsbildung EHB IFFP IUFFP inklusive Forschungsauftrag geschaffen, zudem erhielt auch das damalige BBT die Möglichkeit, Berufsbildungsforschung zu fördern. Diese strukturellen Initiativen tragen mittlerweile Früchte. Forschung ist ein längerfristiges Geschäft. Es braucht jeweils ein paar Jahre, bis qualitativ gute Ergebnisse vorliegen und ein Wissensstand zur Berufsbildung erarbeitet wird. Der EHB- Berufsbildungsforschungskongress, den wir 2013 mit über 140 Teilnehmenden aus 12 Nationen zum dritten Mal durchführten, zeigte dies eindrücklich.

Welche Rolle spielt das EHB dabei?

Das EHB hat den Auftrag, Akteure der Berufsbildung schweizweit auszubilden und Berufe weiter zu entwickeln. Die Forschung des EHB kann daher mit seiner Verankerung in drei Sprachregionen der Schweiz von einer grossen Praxisnähe zur Berufsbildung profitieren und kombiniert dieses Praxiswissen mit einer hohen wissenschaftlichen Forschungskompetenz. Wir sind das grösste Institut in der Schweiz, das Berufsbildungsforschung aus einer multidisziplinären Perspektive heraus betreibt, was uns in der Schweizer Hochschullandschaft einzigartig macht. Die wissenschaftliche Qualität unserer Forschung wurde in der Vergangenheit mit Forschungspreisen ausgezeichnet. Wir haben eine Reihe von Dissertationen zur Berufsbildung realisiert. Regelmässig werden wir als Experten auch ins Ausland eingeladen, um das Schweizer Berufsbildungssystem vorzustellen. Neben der Forschung ist uns der Wissenstransfer in die Berufsbildungspraxis und -politik sehr wichtig.

Viele Lehrpersonen in der Berufsbildung haben den Eindruck, dass viele Forschungsprojekte den Weg in die Praxis nicht finden. Teilen Sie diese Beobachtung - und wie könnte es besser gehen?

Diese Vorstellung der „Forschung im Elfenbeinturm“ ist ein Stereotyp und hat wenig mit der Realität zu tun. Wir am EHB betreiben empirische Forschung, d.h. wir erforschen die Alltagspraxis, und wissen deshalb, wie die Praxis tickt und welche Probleme sie hat. Dies machen wir auch häufig in Kooperation mit dem Berufsfeld, sei dies mit verschiedenen Organisationen der Arbeitswelt, dem BCH, der Bildungsverwaltung etc. Zudem legen wir auch grossen Wert auf den Wissenstransfer in die Praxis, sei es, indem Forschende selbst in der Aus- und Weiterbildung unterrichten, sei es, indem wir Lehrmaterialien erstellen, Auftragsforschung betreiben, Tagungen mit der Schweizerischen Gesellschaft für angewandte Berufsbildungsforschung SGAB / SRFP durchführen oder Artikel für Fachmagazine wie Folio, Panorama etc. verfassen. Wir erhalten zahlreiche positive Rückmeldungen aus dem Berufsfeld.

Können Sie die Wichtigkeit der Berufsbildungsforschung anhand von zwei oder drei Beispielen erläutern?

Wir haben viele Forschungsprojekte durchgeführt, die wichtige Ergebnisse für die Berufsbildungspraxis lieferten. Aktuell zu nennen ist bspw. das Projekt „Laufbahnentscheidungen von Fachfrauen und Fachmännern Gesundheit EFZ (FaGe)“, in dem wir zusammen mit der OdASanté einen vollständigen Jahrgang FaGe mit Lehrabschluss 2011 über die Karriereabsichten befragt haben. Diese Studie liefert wichtige Ergebnisse zur Bekämpfung des Fachkräftemangels in der Pflege. Des Weiteren haben wir im Auftrag des Bundesamts für Statistik die Ausbildungsbereitschaft der Schweizer Betriebe 1985-2008 untersucht und damit wichtige Steuerungsinformationen erarbeitet. Das EHB beteiligte sich zudem vor kurzem auch an einer Evaluation der Bildungspolitik der Genfer Kantonspolizei und machte Vorschläge zur besseren Integration des schulischen und praktischen Lernens. Auf der Grundlage dieses Berichts wird die Ausbildung überarbeitet.

Welches sind aus Ihrer Sicht die grössten Herausforderungen für das Schweizerische System der Berufsbildung?

Das schweizerische Berufsbildungssystem wird, u.a. auch aufgrund der tiefen Jugendarbeitslosigkeit, im Ausland geschätzt. Dies dokumentiert die Tatsache, dass im 2013 wieder zahlreiche ausländische Delegationen das EHB besucht haben. Trotz dieses Lobes steht die Schweizer Berufsbildung vor vielen Herausforderungen, wie sie auch in den bildungspolitischen Zielen von Bund und Kantonen formuliert wurden:

  • 95% aller 25-Jährigen sollen über einen Abschluss auf Sekundarstufe II verfügen,

  • die Durchlässigkeit auf allen Stufen des Bildungssystems – auch zwischen beruflichem und allgemeinbildendem Weg – soll gefördert werden,

  • Tertiär B-Abschlüsse sollen international anerkannt werden,

  • die Validierung von Bildungsleistungen soll schweizweit etabliert und der Fachkräftemangel erfolgreich bekämpft werden,

  • die kulturelle und politische Teilhabe soll durch verbesserte Allgemeinbildung gefördert werden usw.

Das sind viele Baustellen, die uns über längere Zeit begleiten. Ob 2050 immer noch eine Mehrheit der Jugendlichen eine berufliche Grundbildung macht, hängt mit zukünftigen bildungspolitischen Entscheiden zusammen. Mir persönlich ist es wichtig, dass sich die Berufsbildung auch auf der Grundlage von Forschungsergebnissen kritisch hinterfragt und auf Veränderungen einlässt.

12.08.2013

Kontakt

Carmen Baumeler Carmen.Baumeler@ehb-schweiz.ch

Die Fragen stelle Gallus Zahno, Redaktor Berufsbildung gallus.zahno@educa.ch

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Letzte Aktualisierung dieser Seite: 24.05.2016

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