Berufsbildung im SBFI

Josef Widmer ist stellvertretender Direktor des Staatssekretariats für Bildung, Forschung und Innovation, SBFI. Er betreut in dieser Funktion die Bereiche Berufsbildung und allgemeine Bildung. Im Interview spricht er über Berufsnachwuchs, die besondere Stellung der Berufslehre sowie über die höhere Berufsbildung.

Josef Widmer

"Die Situation ist paradox. International wird unser duales System gelobt...im eigenen Land müssen wir jedoch immer wieder um seinen Stellenwert kämpfen, weil manche Leute fälschlicherweise meinen, nur ein Bachelor- oder Master-Abschluss biete gute Karriereperspektiven. Das stimmt jedoch nicht."

Josef Widmer, Stellvertretender Direktor SBFI

Herr Widmer, weshalb haben Sie nach der obligatorischen Schulzeit (k)eine Berufslehre absolviert?

Wenn es nach meinen Eltern gegangen wäre, hätte ich wohl nach der obligatorischen Schulzeit eine Berufslehre gemacht. Als ich jedoch in der fünften Primarklasse gute Noten erzielte, hat mein damaliger Lehrer Kontakt mit meinen Eltern aufgenommen und ihnen erklärt, sie müssten mich unbedingt die Kanti-Prüfung machen lassen. Er musste mehrmals anrufen, aber dann haben sie eingewilligt. Ich habe die Aufnahmeprüfung an die Kantonsschule (Gymnasium) bestanden, und so nahm das Ganze bis heute seinen Lauf. Ich hatte aber immer auch eine praktisch-handwerkliche Seite in mir und habe bis heute Freude daran. Ein Beruf, der mich bis heute fasziniert – auch wenn er körperlich hohe Anforderungen stellt – ist derjenige des Landschaftsgärtners, den ich höchstens in meinem eigenen kleinen Garten etwas ausleben kann. Auch ein Beruf in der Hotellerie oder Gastronomie hätte mich interessiert.

Sie sind Chef des Direktionsbereichs Berufsbildung und allgemeine Bildung im Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation. Was sind Ihre wichtigsten Aufgaben?

Zunächst: Wesentlich für mich ist, dass wir ein Bildungssystem haben, dass sämtliche Qualifikationsbedürfnisse abdeckt. Denn damit unsere Wirtschaft floriert, brauchen wir auf jeder Stufe einen optimalen Mix von Menschen mit unterschiedlichen Bildungsniveaus. In meinem Direktionsbereich arbeiten wir laufend daran, sowohl die Stärken der Berufsbildung als auch jene der allgemeinen Bildung zur Geltung zu bringen und unsere Angebote auf die sich wandelnden Bedürfnisse der Menschen in unserem Land, der Wirtschaft, des Arbeitsmarktes und des internationalen Umfeldes auszurichten. So gelingt es uns – sehr viel besser als Ländern, die nur vollschulische Systeme kennen – den Interessen von Individuum, Wirtschaft und Gesellschaft gerecht zu werden.

Beispielsweise dürfte laut Bundesamt für Statistik der Anteil der tertiär Gebildeten bei der 25- bis 64-jährigen Wohnbevölkerung bis 2030 von heute 36% auf 54% ansteigen. Der Trend scheint also in die Richtung zu gehen, dass die Schweizer Wirtschaft künftig auf mehr Arbeitskräfte mit einem Tertiärabschluss angewiesen ist – das kann ein Hochschulabschluss oder ein Abschluss der Höheren Berufsbildung sein. Unsere Aufgabe ist und bleibt es, für unterschiedliche Begabungspotenziale weiterhin passende Bildungsgefässe bereitzustellen und das System so weiterzuentwickeln, dass sich Berufsbildung und akademische Bildung auch künftig nicht konkurrenzieren, sondern optimal ergänzen.

Das Thema Lehrstellenmangel scheint vorbei zu sein, in vielen Branchen spricht man von einem Mangel an Berufsnachwuchs. Wie begegnet das SBFI dieser neuen Situation?

Ja, es ist tatsächlich so, dass einzelne Berufsfelder und Branchen ein Ungleichgewicht zwischen Lehrstellenangebot und –nachfrage verzeichnen. Dies obwohl die Daten des April-Lehrstellenbarometers 2013 insgesamt ein ausgeglichenes und mit den Vorjahren vergleichbares Bild ergeben.

Das SBFI hat sozusagen eine Art Spagat zu bewältigen: Im niederschwelligen Bereich muss es – in Zusammenarbeit mit den Kantonen und den Berufs- bzw. Branchenverbänden – gelingen, noch mehr Jugendliche (besonders auch Migrantinnen und Migranten) in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Am anderen Ende des Spektrums gilt es vermehrt auch Leistungsstarke für die Berufsbildung zu gewinnen. Damit die Wirtschaft ihren Fachkräftebedarf auch in Zukunft auf allen Stufen decken kann, setzen wir alles daran, die Position der Berufsbildung als attraktives, komplementäres Pendant zur gymnasialen Bildung zu stärken. Beispielsweise mit neuen interessanten Berufsbildern, Massnahmen zur Steigerung der beruflichen Mobilität und einem flexibleren, durchlässigeren Berufsmaturitätsangebot.

Zudem erarbeiten wir bis Ende 2013 zuhanden des Bundesrates und in Erfüllung diverser parlamentarischer Vorstösse einen Bericht über die Integration von Jugendlichen in die Berufsbildung und den Arbeitsmarkt. Der Bericht soll sowohl Massnahmen für leistungsstarke wie auch für praktisch orientierte Jugendliche darlegen sowie allfälligen Handlungsbedarf aufzeigen.

Einerseits hat das duale Berufsbildungssystem ein hohes Ansehen in der Wirtschaft und ist im internationalen Vergleich an der Spitze und trotzdem bevorzugen viele Eltern, dass ihre Kinder den schulischen Weg der Ausbildung machen. Was meint der "oberste Berufsbildner" zu dieser Situation?

Die Situation ist paradox. International wird unser duales System gelobt, wie in den jüngsten OECD-Studien zur Berufsbildung. Im eigenen Land müssen wir jedoch immer wieder um ihren Stellenwert kämpfen, weil manche Leute fälschlicherweise meinen, nur ein Bachelor- oder Master-Abschluss biete gute Karriereperspektiven. Das stimmt jedoch nicht. Ein Lehrabschluss als Schreiner oder Kauffrau und anschliessend ein höherer Berufsbildungsabschluss als eidg. dipl. Schreinermeister oder als dipl. Wirtschaftsinformatikerin HF bieten ebenso tolle Perspektiven auf dem Arbeitsmarkt. Ausserdem sind junge Erwachsene mit Lehrabschluss und Berufsmaturität für ein Fachhochschulstudium oder via Passerelle auch für ein Studium an einer universitären Hochschule zugelassen. Aufklärungsarbeit ist deshalb für uns eine zentrale Aufgabe. Schwerpunktmässig setzen wir dafür die nationale Kampagne BERUFSBILDUNGPLUS.CH 2013-2014 ein.

Insbesondere die höhere Berufsbildung (Tertiärstufe B) stellt ein Juwel in unserem Bildungssystem dar. Sie ist sehr arbeitsmarktnah auf die Bedürfnisse der Wirtschaft ausgerichtet und ihre Absolventinnen und Absolventen sind als mittlere Kader sehr gefragt. Wegen der Internationalisierung der Abschlüsse und Titel ist die typisch schweizerische Höhere Berufsbildung etwas unter Druck geraten. Dem gilt es mit guten Lösungen entgegen zu treten. Damit dies gelingt, haben wir anfangs Jahr ein strategisches Projekt gestartet, das die nationale und internationale Positionierung sowie die Finanzierung der höheren Berufsbildung nachhaltig verbessern soll. Dazu gehört die Klärung der Titelfrage, aber auch die Intensivierung der Öffentlichkeitsarbeit.

Ausser Frage steht, dass Absolventinnen und Absolventen der beruflichen Bildung gegenüber dem Karriereweg über die Hochschulen – auch finanziell – nicht benachteiligt sein sollen. Mit der nächsten Botschaft über die Förderung von Bildung, Forschung und Innovation 2017-2020 wollen wir dem Parlament verbundpartnerschaftlich erarbeitete Massnahmen für diese Zielerreichung vorschlagen.

Berufsabschlüsse und Diplome der höheren Berufsbildung haben Mühe sich im internationalen Umfeld zu positionieren. Es gab im ehemaligen BBT das Projekt "Nationaler Qualifikationsrahmen der Schweiz NQR-CH". Wieso ist es damit so ruhig geworden und was planen Sie für die Vergleichbarkeit von Berufsbildungsabschlüssen?

Dieses Projekt läuft. Wir arbeiten geradezu mit Hochdruck daran. Grundlage für den nationalen Qualifikationsrahmen für Abschlüsse der Berufsbildung (NQR-CH-BB) und die dazugehörigen Diplomzusätze bzw. Zeugniserläuterungen ist eine Verordnung. Diese wurde 2012 einer Anhörung unterzogen. Basierend auf den Auswertungsergebnissen und zur Klärung noch offener Fragen führte das SBFI anschliessend Gespräche mit den Verbundpartnern sowie mit Vertreterinnen und Vertretern des Hochschulbereichs. Nun sind wir daran, letzte Anpassungen vorzunehmen und alle Dokumente zu finalisieren. Ziel ist es, die Verordnung 2014 in Kraft zu setzen.

Der NQR-CH-BB, die Diplomzusätze und die Zeugniserläuterungen werden dazu beitragen, die Vergleichbarkeit von Schweizer Berufsbildungsabschlüssen mit jenen anderer europäischer Länder zu verbessern. Damit wollen wir die berufliche Mobilität von Fach- und Führungskräften erleichtern und die Berufsbildung, insbesondere die Höhere Berufsbildung stärken.

Welches sind aus Ihrer Sicht die grössten Herausforderungen für das Schweizerische System der Berufsbildung?

Schwierig zu sagen, was in 40 Jahren sein wird. Fakt ist jedoch, dass unser Land seinen wirtschaftlichen Erfolg unter anderem seinem hochstehenden Bildungssystem verdankt. Aus diesem Grund bin ich der Auffassung, dass das Ausbilden von Fachkräften auf allen Stufen, in ausreichender Zahl und mit den richtigen Kompetenzen auch in Zukunft matchentscheidend sein wird.

Vor diesem Hintergrund wird die Berufsbildung auch weiterhin eine zentrale Rolle spielen. Ihr Markenzeichen – die passgenaue Abstimmung auf die Bedürfnisse des Arbeitsmarktes und das Ausbilden, dort wo eine Nachfrage nach Fachkräften besteht – bewährt sich dank dem gemeinsamen Engagement von Bund, Kantonen und Organisationen der Arbeitswelt in der Schweiz seit mehr als 100 Jahren. Schenken wir der Berufsbildung weiterhin die verdiente Aufmerksamkeit, wird sie auch in Zukunft für alle Beteiligten attraktiv bleiben. Davon bin ich überzeugt.

15.10.2013

Kontakt

Josef Widmer josef.widmer@sbfi.admin.ch

Die Fragen stelle Gallus Zahno, Redaktor Berufsbildung gallus.zahno@educa.ch

Letzte Aktualisierung dieser Seite: 20.08.2016

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