Berufsbegleitende Berufsmatura: auf dem Abstellgleis?

Zahlen zeigen, dass die berufsbegleitende Berufsmatura (BMS1) stagniert, während die Zahl der Absolventen, die erst nach dem Lehrabschluss die Berufsmatura (BMS2) machen, ständig steigt. Martin Berger ist in seiner Masterarbeit den Gründen nachgegangen, weshalb leistungsstarke Jugendliche die Berufsmatura nicht parallel zu ihrer Berufslehre absolvieren.

Martin Berger

"Ich bin überzeugt, dass die BMS1 eines der wichtigsten Instrumente darstellt, dem beklagten Brain-Drain aus der Berufsbildung entgegenzuwirken und dem Fachkräftemangel zu begegnen."

Martin Berger, Autor der Studie "Der Bildungsentscheid zur BMS1"

Weshalb haben Sie nach der obligatorischen Schulzeit (k)eine Berufslehre absolviert?

Ich komme aus einer „Gewerblerfamilie“, und so lag es für mich auf der Hand, eine Berufslehre zu absolvieren. Nach neun langen Schuljahren reizte mich damals die praktische Welt der Berufslehre mit „richtigen“ Aufgaben und „richtigem“ Geld mehr als die Schultheorie. Ich hatte das Glück eine für mich äusserst interessante Chemielaborantenlehre machen zu können. Auf die BMS1 habe ich (nur) wegen meiner damaligen Furcht vor dem BM-Fach Französisch verzichtet und mich später für die BMS2 entschieden.

Welches war Ihre Ausgangsfrage zu der Masterarbeit "Der Bildungsentscheid zur BMS1"?

Die Berufsmatur ist unbestritten eine wesentliche Bildungschance für junge Berufsleute. Dabei stellt eine berufliche Grundbildung mit BMS1 gerade für leistungsstarke Jugendliche eine attraktive Alternative zum gymnasialen Weg dar. Trotzdem stagnieren die Zahlen der BMS1-Abschlüsse seit einigen Jahren, während die Zahlen der BMS2-Abschlüsse und die Gymnasialquote tendenziell steigen. Unsere Jugendlichen gehen also entweder eher ins Gymnasium oder sie entschliessen sich für eine Lehre ohne BMS.

Meine Studie beschäftigt sich mit leistungsstarken Berufslernenden und den Begründungszusammenhängen, wieso sie die BMS1 (nicht) besuchen. Dabei liegt mein Interesse vor allem darin, den Stellenwert des Berufswahlunterrichts und die Rolle des Lehrbetriebs für den BMS1-Entscheid der Jugendlichen aufzuzeigen. Die Resultate zeigen, dass die Entscheidung der Lernenden, wie erwartet, stark von Seiten der Lehrbetriebe beeinflusst wird, wobei kleinere Betriebe die BMS1 tendenziell weniger unterstützen. Der Berufswahlunterricht hat jedoch, unerwarteter Weise (!), auf den BMS1-Entscheid überhaupt keinen Einfluss.

Wie präsentiert sich aktuell die Situation der BMS1 (berufsbegleitend) und der BMS2 (nach Abschluss der Lehre) in Zahlen?

Die meisten Berufsmaturanden (56%) gelangen nach wie vor über die BMS1 zur Berufsmatur. Da die Zahlen der BMS1-Abschlüsse seit einigen Jahren stagnieren und die BMS2 einen stetigen Zuwachs erfährt, sank der Anteil der BMS1 gegenüber der BMS2 in den letzten Jahren um ganze 14%.

Eine Folgerung Ihrer Untersuchung ist, dass die lehrbegleitende BMS1 im Vergleich zur BMS2 (nach der Lehre) immer unattraktiver wird. Welche Gründe sehen Sie?

Für Lernende liegt die Attraktivität der BMS2 darin, der Doppelbelastung Lehre/BMS1 aus dem Weg zu gehen. Auch für Lehrbetriebe ist es attraktiver, wenn Lernende die BM erst nach der Berufslehre absolvieren, da diese mehr Zeit im Betrieb verbringen. Das kann zur Folge haben, dass in Zukunft die BMS2 allmählich zum „Standardlehrgang“ der BM wird und Jugendliche sowohl seitens Oberstufenschule wie auch seitens Lehrbetrieb tendenziell immer weniger für die BMS1 motiviert werden. Dabei darf man nicht vergessen, dass bei einem Besuch der BMS2 anstelle der BMS1 die Ausbildungskosten auf die jungen Berufsleute überwälzt werden, was sich unter anderem negativ auf die Chancengleichheit auswirken kann.

Die Berufsmatur wird oft als der Königsweg bezeichnet. Andererseits gibt es Betriebe, die keine Berufsmaturanden anstellen, weil diese wegen des erhöhten Schulanteils mehr im Betrieb fehlen. Hat die BMS1 in KMU ein Imageproblem?

Wenn die BMS1 bei den KMUs ein Imageproblem hat, dann nicht weil sie an ihrer Qualität und Relevanz zweifeln, sondern wegen der verfestigten Vorstellung, dass sich ein BMS1-Besuch negativ auf die betrieblichen Lern- und Produktionsziele auswirken. Studien zeigen jedoch, dass der Besuch der BMS1 keinen signifikanten Einfluss auf die Nettokosten während der Lehre hat. Um Ausbildungsbetriebe vermehrt zur Ausbildung von Lernenden mit BMS1 zu bewegen, wäre also einerseits Aufklärungsarbeit bezüglich vorherrschender Kosten-Nutzen-Vorstellungen von Nöten. Anderseits könnten Betrieben durch Labels (Auszeichnung bei Förderung der BMS1) Anreize gegeben werden, womit sie sich auf dem Lehrstellenmarkt abheben könnten.

Den Berufsfachschulen, wie auch dem Berufswahlunterricht auf der Sekundarstufe 1, obliegt es, potentiellen Berufsmaturandinnen und Berufsmaturanden die Vorteile der BMS1 zu vermitteln und ihnen ein realistisches Bild der BMS1-Anforderungen zu vermitteln. Ein effektives Instrument ist hierbei z.B. das Projekt „Rent-a-Stift“, an welchem aber leider selten BMS1-Lernende involviert sind.

Wesentlich ist jedoch meines Erachtens, dass es den Berufsbildungsinstitutionen zusammen mit den OdAs auf der Makroebene gelingt, der breiten Bevölkerung die Attraktivität der Berufslehre mit BMS1 (und allfälliger Passarelle zur Universität) gegenüber dem immer populärer werdenden gymnasialen Weg aufzuzeigen.

Welches sind aus Ihrer Sicht die grössten Herausforderungen für das Schweizerische System der Berufsbildung?

Mein ehemaliger Schulleiter an der Berufsfachschule pflegte zu sagen, dass die Berufsbildung in Zukunft an ihrer Integrationsleistung der Leistungsschwachen gemessen würde. Ich stimme dieser Aussage voll und ganz zu. Es ist auch gut zu beobachten, wie dieser Herausforderung beispielsweise mit der Koordination von Brückenangeboten oder der Lancierung des Eidgenössischen Beufsattests (EBA) aktiv begegnet wird. Mit meiner Studie habe ich mich aber mit einer anderen wesentlichen Herausforderung auseinander gesetzt, die darin besteht, weiterhin genügend leistungsstarke Jugendliche für die duale Berufsbildung zu gewinnen, um die Qualität der Berufslehren beizubehalten und auszubauen. Ich bin überzeugt, dass die BMS1 eines der wichtigsten Instrumente darstellt, dem beklagten Brain-Drain aus der Berufsbildung entgegenzuwirken und dem Fachkräftemangel zu begegnen.

05.05.2013

Kontakt

Martin Berger tinub@bluemail.ch

Die Fragen stellte Gallus Zahno, Redaktor Berufsbildung educa.ch gallus.zahno@educa.ch

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Letzte Aktualisierung dieser Seite: 16.02.2016

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