Die Akademisierungsfalle

«Die Akademisierungsfalle. - Warum nicht alle an die Uni müssen und warum die Berufslehre top ist» - so heisst das neue Buch des ehemaligen Preisüberwachers und Nationalrates Rudolf Strahm. Der gelernte Chemiker und studierte Ökonom beantwortete die Fragen von Insight Berufsbildung, begründet seine Thesen und zeigt Auswege auf.

Rudolf Strahm

"Aber es spielt dabei noch ein anderer Faktor mit, nämlich die kulturelle Dominanz der akademischen Bildungswege.(...) Die stark auf Akademisierung ausgerichtete Mitteilungskultur ist natürlich auch Element einer Herrschaftskultur der Bildungselite, und diese prägt auch die Färbung und den Mainstream in der Gesellschaft."

Rudolf Strahm, Buchautor

Herr Strahm, weshalb haben Sie nach der obligatorischen Schulzeit (k)eine Berufslehre absolviert?

Nach der Schule habe ich eine Berufslehre als Chemielaborant in der Basler chemischen Industrie absolviert. Mit 13, 14 Jahren war ich schulmüde. Mein Vater erkannte sofort, dass ich mich eher für eine Berufslehre statt für eine Mittelschule eignen würde. Nach der Berufslehre absolvierte ich die Ingenieurschule (damals „Technikum“) und danach arbeitete ich wiederum in der Basler Chemie als Chemiker. Erst mit 25 Jahren begann ich mein Studium an der Universität Bern auf dem zweiten Bildungsweg, und zwar in Volkswirtschaft, Betriebswirtschaft und Soziologie. Ich war schon fast 30, als ich die Uni mit dem Lizenziat abschloss, aber ich habe diesen „Umweg“ nie bereut. Dank Berufslehre und Fachhochschule hatte ich den Kollegen mit rein akademischen Bildungskarrieren einiges voraus an Praxisbezug, sprachlicher Kommunikationsfähigkeit und Vielseitigkeit.

Sie müssten den Zustand der Schweizerischen Berufsbildung analysieren. Welches ist Ihre Diagnose?

Wir haben den Vorteil, dass bei uns – wie in allen deutschsprachigen Ländern – die duale Berufslehre stark verankert ist. Dies ist historisch bedingt durch die Zünfte, die seit dem siebzehnten Jahrhundert die Meisterlehre pflegten. Glücklicherweise hat sich die Berufslehre zunächst in den Kantonen und ab 1933 mit dem eidgenössischen Berufsbildungsgesetz die Anerkennung der Abschlüsse verfestigt. Die ländliche Elite, also Gewerbetreibende und KMU-Wirtschaft, aber auch die Maschinen-, Metall- und Elektroindustrie, haben die Berufslehre stets befürwortet und deren Ausbau gestützt. Die zweite Hälfte der 1990er Jahre brachten nach einer Tiefstphase der Reputation der Berufslehre eine Wiederbelebung und Aufwertung. Die Anerkennung der 230 Berufslehre-Abschlüsse mit dem Eidgenössischen Fähigkeitszeugnis EFZ und die Berufsmaturität machten die Berufsbildung wieder hoffähiger. Ebenfalls in den 1990er Jahren wurde das Fachhochschulgesetz eingeführt, welches die Eintritte in die Fachhochschulen regelte und die eidgenössische Anerkennung der Fachhochschulabschlüsse brachte. Diese Reformen insgesamt: also Berufslehre, Berufsmaturität, Fachhochschulen und formale Verankerung der Höheren Berufsbildungsabschlüsse, führten zum heutigen komplexen und durchlässigen Berufsbildungssystem, das funktioniert nach dem Motto: Kein Abschluss ohne Anschluss. Allerdings wurde in der Reformphase Ende der 1990er Jahre einiges unterlassen: Man legte die Finanzierung der Höheren Berufsbildung nicht fest, man schuf keine einheitlichen, übergreifenden Titel. Trotzdem hat die Höhere Berufsbildung aufgeholt: Heute absolvieren mit 27'000 Diplomierten pro Jahr fast gleich viele Berufsfachleute einen Abschluss der Höheren Berufsbildung (Tertiär B) wie die 28'000 diplomierten Absolventen und Absolventinnen der Hochschulen (Universitäten, ETH, Fachhochschulen, sog. Tertiär A). Das Berufsbildungssystem ist auch durchlässig gegenüber der universitären Bildung, indem die Berufsmaturanden mit sogenannten Passerellenlösungen an die Uni und gymnasiale Maturanden an die Fachhochschulen und Höheren Berufbildungsinstitutionen wechseln können.

Die duale Berufsbildung ist im Moment im Hoch (erstmalige Schweizer Meisterschaften SwissSkills, sehr gutes Abschneiden der Schweizer Teilnehmer an den Berufs-Weltmeisterschaften, Berufsbildung als Exportprodukt etc.) und trotzdem hat man den Eindruck, dass in der Gesellschaft der gymnasiale Weg mehr zählt als die klassische Berufslehre. Stimmt dieser Eindruck?

Sie haben recht, Ihr Eindruck täuscht nicht. Viele Eltern kennen das heutige Berufsbildungssystem nicht und sie betrachten eine Berufslehre als eine Sackgasse, wie es früher war. Heute ist aber das System durchlässig und es ermöglicht Berufskarrieren viel leichter. Aber es spielt dabei noch ein anderer Faktor mit, nämlich die kulturelle Dominanz der akademischen Bildungswege. Die Bildungselite und die Medien berichten halt vorwiegend über Uni und akademische Forschung, über Spitzenforschung, Erasmus und Horizon. Die stark auf Akademisierung ausgerichtete Mitteilungskultur ist natürlich auch Element einer Herrschaftskultur der Bildungselite, und diese prägt auch die Färbung und den Mainstream in der Gesellschaft.

c | Rudolf Strahm; Die Akademisierungsfalle, Grafik 1.15

Sie reden von der Akademisierungsfalle. Wo sehen Sie diese und wie können wir der Falle entgehen?

In der Akademisierungsfalle stecken vor allem jene Länder, die keine Berufslehre und nur vollschulisch-akademische Bildungswege kennen: Die lateinischen Staaten wie Frankreich, Italien, Spanien und Portugal, aber auch angelsächsische Länder wie England. Werfen Sie mal einen Blick auf deren Jugendarbeitslosenquoten: Ein Viertel der Jugendlichen, die nicht gerade in einer Ausbildung stecken, sind arbeitslos, in Südeuropa sogar die Hälfte. Diese Länder haben extensiv ausgebaute Maturitäts- und Universitätsbildungen aber kaum qualifizierte, präzisionsorientierte und betriebsbezogene Berufsfachleute-Ausbildungen. Sie stecken in der Akademisierungsfalle und leiden unter Desindustrialiserung. - In der Schweiz haben wir einige Regionen, die in die Akademisierungsfalle zu geraten drohen. Etwa das Bassin Lémanique, also das Gebiet um den Genfer See, erlebt derzeit einen Aufschwung im Sinn einer Monacoisierung mit Luxusvillen, ausländischen Superreichen , Rohstofffirmen und Rechtsanwälten. Gleichzeitig erleben sie einen dramatischen Rückgang der industriellen Tätigkeit. Auch sie drohen in die Akademisierungsfalle zu geraten. Die Jugendarbeitslosigkeit ist in der Romandie deutlich höher als in den Deutschschweizer Kantonen.

Grafik Rudolf Strahm | Rudolf Strahm; WARUM NICHT ALLE STUDIEREN MÜSSEN UND WARUM DIE BERUFSLEHRE TOP IST

Im Moment ist die Förderung der höheren Berufsbildung mit Berufsprüfungen und Höheren Fachschulen im politischen Gespräch. Was ist da Ihrer Ansicht nach zu tun?

In der Höheren Berufsbildung gibt es rund 500 eidgenössisch anerkannten Diplome, aber keinen übergreifenden einheitlichen Titel, wie wir dies im Universitätssystem kennen (Bachelor, Master , Doktorat) – oder dann nach der Berufslehre kennen (EFZ, EBA). Deshalb forderten wir die Einführung eines übergreifenden Titels zusätzlich zu den deutschen Diplombezeichnungen, nämlich des „Professional Bachelor“ und des „Professional Master“. Der Nationalrat hat im Juni 2014 eine entsprechende Motion mit 93 zu 80 Stimmen gegen den Willen des Bundesrats gutgeheissen. Jetzt muss noch der Ständerat zustimmen. Der Widerstand gegen die Titelaufwertung und Äquivalenz in der Höheren Berufsbildung kommt von den Fachhochschulen, die aus standespolitischen Gründen ihre Nähe zur Universität signalisieren wollen.

uu | Rudolf Strahm; Die Akademisierungsfalle, Grafik 3.17

Welches sind aus Ihrer Sicht die grössten künftigen Herausforderungen für das Schweizerische System der Berufsbildung?

Das schweizerische Berufsbildungssystem ist stark verankert und wird bestehen können. Die ländliche Elite und die KMU-Wirtschaft werden es verteidigen. Aber das System muss sich dem Strukturwandel anpassen und die stärkere Wissensbasierung der Berufe übernehmen. Es braucht in den nächsten Jahren

  • etwas mehr Allgemeinbildung in der Berufslehre, zum Beispiel den Ausbau des technischen Englisch (Fachenglisch), der Informatik-Kenntnisse, der Sozialkompetenzen (Schlüsselkompetenzen),
  • eine Förderung der Berufsmaturitäten in den wissensbasierten Berufsfeldern,
  • eine Titelaufwertung und bessere öffentliche Finanzierung der Höheren Berufsbildung,
  • allenfalls eine Wiedereinführung eines Basisjahrs in der Berufsschule für höherschwellige, wissensbasierte Berufe in Informatik, Pflege, Kaufmännischen Berufszweigen.

Man muss davon ausgehen, dass die wissensbasierten Berufe zunehmen. Der Trend zur Wissensgesellschaft heisst nicht immer mehr akademische Bildung. Der Begriff der „Wissensgesellschaft“ ist auch missverstanden und missbraucht worden. Wissensgesellschaft heisst viel mehr, stärkere Durchdringung fast aller Berufe mit neuen Wissenselementen. Die Mechanikerberufe wurden zum Polymechaniker, zusätzlich zu den Automechanikerberufen gibt es jetzt den Mechatroniker; nach der KV-Lehre geht es weiter mit höheren Berufsbildungsstufen zum Controller, technischen Kaufmann, Wirtschaftsinformatiker oder Treuhandexperten. Die Höhere Berufsbildung wird noch an Gewicht zulegen. Die Absolventen der Höheren Berufsbildung sind heute die mittleren Kader in der KMU-Wirtschaft und die eigentlichen Leistungsträger der Wirtschaft, die die technologischen Innovationen auch umzusetzen in der Lage sind.

18.08.2014

Literatur

Das Buch von Rudolf H.Strahm „Die Akademisierungsfalle. Warum nicht alle an die Uni müssen“ erschien Mitte August im hep-Bildungsverlag Bern. 240 Seiten, 77 Grafiken, 34.- Franken. Es gilt als Buch zum Berufsbildungsjahr 2014

Kontakt

Rudolf Strahm rudolf.strahm@bluewin.ch

Die Fragen stellte Gallus Zahno, Redaktor Berufsbildung educa gallus.zahno@educa.ch

Download

strahm_die_akademisierungsfalle.pdf
Interview als pdf (PDF, 490.89 KB)

Quelle Grafiken: Rudolf H. Strahm „Die Akademisierungsfalle. Warum nicht alle an die Uni müssen“, hep-Verlag Bern

Letzte Aktualisierung dieser Seite: 24.05.2016

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